Was junge Menschen in Weinheim politisch bewegt
In Weinheim hat WN/OZ mit jungen Menschen gesprochen, die ihre Ängste und Hoffnungen, ihr Verständnis von Demokratie und ihre Sicht auf gesellschaftliche Veränderungen teilen.
Wie tickt die Jugend in Deutschland? Seit 1953 geht die Shell Jugendstudie dieser Frage auf den Grund. In diesem Jahr sprechen die Stimmen der 12- bis 25-Jährigen eine deutliche Sprache: scharfe Kritik, Angst und der Wunsch nach echter Veränderung werden laut.
Aber auch Zuversicht mischt sich in dieses düstere Bild. Unsere Redaktion hörte sich unter den Weinheimer Jugendlichen und jungen Erwachsenen um, was sie politisch auf dem Herzen hat. Im Gespräch erzählten sie von Ängsten und Hoffnungen, redeten über ihr Demokratieverständnis und den Wandel in der Gesellschaft. Und darüber, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, die von Krisen geprägt ist.
Kritischer Bildungsstand
Tobias Schellhammer betrachtet vor allem den Bildungsstand in Deutschland kritisch. „Viele Menschen sind nicht einmal bereit, ein Wahlprogramm zu lesen“, sagt der Finanzwirtschaftsstudent. Viele junge Leute seien verunsichert und wählten oft die einfachste Lösung, da ihnen komplexe Zusammenhänge selten vermittelt wurden. „So erkläre ich mir auch die Wahlerfolge der AfD”, sagt Schellhammer. “Die Partei weiß allerdings auch, wie sie die Anliegen ihrer Wählerschaft gezielt anspricht.“
Dabei muss man kein AfD-Anhänger sein, um sich an der deutschen Politik zu stören. Schellhammer vermisst oftmals die Sachorientierung: „Unser System beruht zu viel auf parteipolitischer Selbsterhaltung.” Darüber hinaus fordert er mehr Transparenz und Unabhängigkeit: „Politiker im Bundestag sollten keine Nebeneinkünfte haben, und Lobbyismus muss besser reguliert werden.“
„Jeder Bürger ist betroffen“
Im Gegensatz zu den 81 Prozent der Jugendlichen, die laut Shell Studie Angst vor einer Eskalation des Ukraine-Krieges haben, teilt er diese Sorge nicht. Denn der 23-Jährige kann sich nicht vorstellen, dass sich Kampfhandlungen auf den Westen Europas ausweiten.
Davon abgesehen seien die Auswirkungen des Krieges schon längerer Zeit spürbar – nicht zuletzt durch Inflation, Baupreissteigerungen und Co. Schellhammer bleibt optimistisch, wenn er an seine eigene Zukunft denkt. „Ich hatte das Privileg, in einem gebildeten Elternhaus aufzuwachsen – daraus haben sich viele Chancen für mich ergeben“, erklärt er.
Jugend kommt zu kurz
Die Jugend kommt für Alessandro Muci in der Politik häufig zu kurz: „Gerade Minderjährige können ihre Stimme nicht gut einbringen – sei es auf dem Wahlzettel oder im echten Leben.“ Dem Studenten im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen ist sein Interesse an Politik deutlich anzumerken – genauso deutlich wird seine Kritik an ihr: „Die Abgeordneten diskutieren ausführlich und scheinbar endlos über Probleme. Aber am Ende passiert kaum etwas.“
Mit einem nachdenklichen Blick in die Glaskugel fasst Muci ein Gefühl zusammen, das viele in seiner Generation teilen: „Krieg ist für mich eine alltägliche Realität geworden.“ Trotzdem ist er zuversichtlich: „Unsere Demokratie ist stark und verfügt über viele Schutzmechanismen, die uns stützen, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.“
Auch im Gespräch mit der 20-jährigen Annalena Vazquez wird schnell klar, dass man sich mit einem politikinteressierten Menschen unterhält. Vazquez informiert sich vorwiegend über Themen wie soziale Ungleichheit, Bildung und Migration – aus Zeitungen, in Social Media und beim Austausch mit anderen.
Deshalb ist es besonders schade, dass sich die 20-Jährige in ihren Sorgen und Nöten nicht wahrgenommen fühlt. „Meiner Meinung nach werden politische Entscheidungen eher nach Kapitalinteressen und nicht nach gesellschaftlichen Bedürfnissen getroffen – das wirkt realitätsfern”, erklärt die Weinheimerin. Außerdem mangele es an nachhaltigen Lösungen, zum Beispiel im Verkehrssektor.
Während laut Shell-Studie die Ängste unter Jugendlichen zunehmen, fehlt bei der jungen Frau davon jede Spur. Das hat seinen Grund: „Dass sich die zunehmenden Krisen beängstigend anfühlen, ist verständlich. Aber Furcht drängt uns in ein Schwarz-Weiß-Denken und schränkt unsere Handlungsmöglichkeiten ein.”
Die aktuelle Lage, also das Wahlergebnis in den USA, das Ampel-Aus und der Erfolgszug der AfD, hat ihr Vertrauen in ein parlamentarisches System nicht erschüttert. „Wir dürfen nicht aufhören, für die Demokratie einzustehen. Sie ist ein Privileg und nicht selbstverständlich.“ Die 20-Jährige blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Zynismus war noch nie produktiv.“
Für Annalena Vazquez, selbst beispielsweise bei Demos gegen rechts aktiv, beginnt politisches Engagement nicht erst mit dem Beitritt in eine Partei. „Der erste Schritt ist für mich, offen zu seiner Meinung zu stehen”, betont sie.
Aktiv in Weinheims politischem Geschehen
Das können auch Svenja Huke, Leonard Lechert und Viviana Jäger unterschreiben. Die drei Weinheimer wurden in den vorerst letzten Jugendgemeinderat (JGR) gewählt. Ein neues Gremium ist angesichts mangelnden Interesses in diesem Jahr nicht mehr zustande gekommen.
Das hält die drei jedoch nicht davon ab, sich dennoch in das politische Geschehen Weinheims einzubringen. Gemeinsam mit weiteren Jugendlichen treffen sie sich weiterhin regelmäßig und arbeiten als eine Art „inoffizieller Jugendgemeinderat“ gemeinsam mit dem Rathaus und dem Stadtjugendring an Projekten.
Alle drei informieren sich regelmäßig über politische und gesellschaftliche Entwicklungen, sei es lokal oder global. Svenja Huke fehlt in Deutschland der politische Handlungswille, um wirksam auf die Klimakrise zu reagieren. „Es wird einfach zu wenig gemacht“, bemängelt die 17-Jährige. Auch im Bildungssystem sieht sie Nachholbedarf: „Fehlende Aufklärung, insbesondere in der Schule, ist aus meiner Sicht ein Grund, warum viele junge Menschen rechts wählen.“
Der 21-jährige Leonard Lechert stimmt ihr zu, sieht jedoch auch globale und innenpolitische Krisen als treibende Kräfte hinter der Unzufriedenheit der Jugend. „Wir fühlen uns von den Parteien nicht gesehen“, erklärt er. Besonders belastet ihn die Unsicherheit in Bezug auf den Krieg in Europa. „Gerade als junger Mann, der potenziell für den Wehrdienst eingezogen werden könnte“, erzählt Lechert. „Ich möchte mich in der Zukunft nicht an der Front wiederfinden.“
Keine jugendgerechte Politik
„Die aktuelle deutsche Politik ist nicht für Jugendliche gemacht. Jüngere Stimmen sollten mehr gehört werden“, findet Viviana Jäger. Als besonders gefährlich sieht sie die Verbreitung rechter Ideologien und frauenfeindlicher Narrative im Internet, die vor allem junge Männer beeinflussen und nach rechts abdriften ließen.
Umso wichtiger sei es, miteinander zu sprechen. Gerade auch mit AfD-Wählern, insbesondere, wenn es sich um junge Erwachsene handelt. Um herauszufinden, warum sie rechts wählen und die Möglichkeit zu haben, ihnen andere Perspektiven aufzuzeigen.
„Es gibt Jugendliche in Weinheim, die sich für aktuelle Themen interessieren und sich politisch engagieren möchten“, betont Svenja Huke. Und womöglich klappt es ja wieder mit einem Jugendgemeinderat. Derzeit arbeiten die noch Verbliebenen daran, die nächste Wahl für den JGR vorzubereiten, um dieses Mal genug Kandidaten für ein Gremium zusammenzubekommen. Um weiteren jungen Stimmen eine Plattform im politischen Diskurs zu geben – zumindest in der Zweiburgenstadt.