Weinheim: Stiller Protest statt Streik
Kundgebung der GRN-Klinik wird nach Münchener Attentat abgesagt. Mitarbeiter wollen später Druck ausüben.
Weinheim. Keine Trillerpfeifen, keine skandierten Sprüche, keine Banner mit Parolen: Stattdessen wartet ein einzelner Mann vor dem Haupteingang der Weinheimer GRN-Klinik. „Wir mussten den heute geplanten Warnstreik absagen. Nach dem mutmaßlichen Attentat in München gebietet das der Respekt vor den Verletzten“, erläutert Werner Metzger, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Gesundheitszentren Rhein-Neckar.
Der Hintergrund: Mitten in der bayerischen Landeshauptstadt ist am Donnerstag ein 24-jähriger Afghane mit seinem Mini in eine Demonstration der Gewerkschaft ver.di gefahren. Stand Freitag sprachen die Ermittler von 36 Verletzten. Manche von ihnen schwebten zu diesem Zeitpunkt in Lebensgefahr. Die Polizei geht von einem islamistischen Tatmotiv aus.
Zettel an der Stechuhr
Der hiesige ver.di-Gewerkschaftssekretär für das Gesundheitswesen, Imre Uysal, verschickte noch am Abend eine Rundmail. „Gott sei Dank war ich gestern noch einmal an meinem PC im Büro“, sagt Metzger am Freitag. Gleich am Morgen flitzte er durch die Klinik und hängte Zettel an jede Stechuhr im Gebäude: „Der Streik ist abgesagt!“ Wenige Stunden später, es ist mittlerweile Nachmittag, steht er allein auf dem Platz vor dem Krankenhaus, wo ihn eigentlich 80 Mitarbeiter hätten unterstützen sollen. „Damit ich den Leuten, die hierherkommen, Bescheid sagen kann“, so der Betriebsrat. Neben der Presse ist das jedoch nur Kreisrat Dr. Carsten Labudda (Linke), der im Namen des Pilgerhauses seine Solidaritätsbekundung überbringen will. Denn was unter anderem an der Weinheimer GRN-Klinik erstritten werde, habe auch positive Auswirkungen auf die Lützelsachsener Einrichtung, die sich bei den Arbeitsverträgen an den Tarifen des öffentlichen Dienstes orientiere.
Verständnis, aber kein Angebot
Und der Rückenwind wäre am Freitag eigentlich bitter nötig gewesen. Es geht um die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, die in ganz Deutschland zu Streiks und Protesten führen. Bei den Tarifverhandlungen in Potsdam hatte die Arbeitgeberseite zwar Verständnis gezeigt. Dabei blieb es nach Angaben der Gewerkschaft aber auch. Ein Angebot: Fehlanzeige. Also begann die Arbeitnehmerseite, den Druck zu erhöhen. Auch an den Standorten der GRN-Kliniken: Bereits am Montag fanden Kundgebungen in Schwetzingen und Eberbach statt, am Dienstag folgte eine in Eberbach.
Im Kern steht natürlich die Forderung nach einer gerechteren Bezahlung. Konkret verlangt die Gewerkschaft vom Arbeitgeberverband Baden-Württemberg (KAV) eine Erhöhung der Entgeltvolumina um acht Prozent, mindestens aber um 350 Euro. Für Azubis, Studenten und Praktikanten soll es mindestens 200 Euro mehr im Monat geben. Das Ganze bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Des Weiteren steht die Forderung nach einem „Meine-Zeit-Konto“ im Raum. Mit diesem könnten Pfleger selbst entscheiden, ob ihre Überstunden auf dem Bank- oder dem Zeitkonto gutgeschrieben werden. „Manche sagen, sie sind am Limit und brauchen Freizeit. Andere haben vielleicht erst ein Auto gekauft und brauchen das Geld“, erläutert Gesamtbetriebsratsvorsitzender Metzger.
Denn Überstunden gibt es zuhauf. Und das, obwohl die Personalsituation auf dem Papier eigentlich ausreichend ist. Aber: „Die Krankheitsrate ist enorm hoch“, berichtet Metzger. Das gelte auch für Langzeiterkrankte. Dadurch sei es schwierig, die Stationen adäquat zu besetzen. Kreisrat Labudda kritisierte in diesem Zusammenhang, dass die Geschäftsführung bereits nach der Corona-Zeit Entlastung für die Mitarbeiter versprochen habe, die während der Pandemie enorm unter Druck standen. „Die fehlt bis heute“, so der Linken-Politiker. Auf der Suche nach den dringend benötigten Fachkräften wandert der Blick indes bis nach Südostasien. Nachdem bereits Pflegekräfte in Albanien akquiriert worden seien, werde derzeit um philippinische Mitarbeiter geworben. „Die Fühler werden in alle Richtungen ausgestreckt“, so Betriebsrat Metzger. Ein wichtiger Baustein ist die Ausbildung des Nachwuchses. Doch hier beobachtet Werner Metzger, selbst ehemals Mitarbeiter im GRN-Betreuungszentrum, dass es insbesondere bei den Altenpflegern zunehmend dünner aussehe. Das hat damit zu tun, dass die Pflegeausbildung generalisiert wurde, sodass sich Azubis nicht im Vorfeld entscheiden, ob sie in den medizinischen oder in den geriatrischen Bereich gehen. Die Erfahrung zeige jedoch, dass sich so gut wie jeder für den Beruf des Krankenpflegers entscheide. Das ist zwar gut für die Kliniken, jedoch schlecht für die Pflegeheime.
Reform sorgt für Verunsicherung
Eine andere Reform sorgt wiederum in der GRN-Klinik für große Verunsicherung. Bislang ist nämlich noch nicht bekannt, welche Auswirkungen die Krankenhausreform des Gesundheitsministeriums auf den GRN-Standort hat. „Es gibt viele Spekulationen, und es wird auch schon um Arbeitsplätze gebangt“, berichtet der Betriebsrat. Immerhin hier kann er die Sorge nehmen: Er glaubt nicht, dass es in Weinheim zur großen Katastrophe komme.
Nachdem der Warnstreik am Freitag abgeblasen wurde, bereiten sich die Beteiligten nun auf einen ganztägigen Streik vor, bei dem der Notdienst aufrechterhalten wird und der nicht zulasten der Patienten gehen soll. Es ist der logische nächste Schritt. Denn wenngleich die Potsdamer Tarifverhandlungen schon nächste Woche fortgesetzt werden: „Dass dabei etwas herauskommt, damit rechnet keiner“, sagt Werner Metzger.