Weinheimer Azubis verteilen "Haarschnitte mit Herz" für Wohnsitzlose
Ein Hauch von Glamour weht durch die Caritas-Tagesstätte in der Paulstraße, wenn die Friseur-Azubis der Hans-Freudenberg-Schule ihre Scheren zücken. Unter der Anleitung von Tanja Nix und Natalie Haller verwandeln sie die obere Etage in einen Schönheitssalon für Wohnsitzlose.
Eine Haarsträhne nach der anderen landet auf dem Boden – aus einer langen Mähne zaubern die Friseur-Azubis der Hans-Freudenberg-Schule einen frechen Kurzhaarschnitt mit Pony. Dreizehn Nachwuchs-Stylisten aus dem zweiten und dritten Lehrjahr verwandelten die obere Etage der Caritas-Tagesstätte in einen Schönheitssalon für Wohnsitzlose.
Schon am Vormittag kommen gleich sechs Betroffene in die Paulstraße; am Abend sollen es knapp zwanzig gewesen sein. „Es ist einfach toll, zu sehen, dass diese Termine den Bedürftigen genauso viel Freude bereiten wie unseren Auszubildenden“, betont Friseurmeisterin und Lehrerin Tanja Nix. Zusammen mit ihrer Kollegin Natalie Haller betreut sie das Projekt „Haarschnitte mit Herz“, das nun schon zum fünften Mal stattfindet.
Caritas-Leiter bringt Idee ins Rollen
Nur aufgrund der Corona-Pandemie fiel es damals aus. 2017 brachte Benjamin Weiß, Leiter der Caritas-Tagesstätte, die Idee ins Rollen. „Die Nachfrage ist seitdem gestiegen, deswegen können wir sogar zwei statt nur einen Termin im Jahr anbieten“, erzählt Nix. „Unsere Spiegel haben jetzt schon einen festen Platz bei der Caritas.“ Ihre „Kunden“-Termine werden ihnen von der Wohltätigkeitsorganisation vermittelt. „Die meisten sind regelmäßige Gäste bei der Tagesstätte“, sagt die 45-Jährige.
In der Paulstraße haben Menschen ohne festen Wohnsitz die Möglichkeit, gemeinsam zu essen, sich zu unterhalten, Medien zu nutzen und regelmäßige Arzttermine wahrzunehmen. Dabei erfahren sie vor Ort auch vom breiten Angebot der Hans-Freudenberg-Schule.
Die Schüler sind größtenteils offen für den Umgang mit Wohnungslosen. „Manche haben ihre ehemaligen Klienten sogar auf der Straße getroffen und sie wiedererkannt“, erzählt Nix. „Doch nicht alle Nachwuchsfriseure fühlen sich sofort wohl in dieser Umgebung“, gibt Haller zu: „Einige haben anfangs Hemmschwellen, diese sind aber schnell abgelegt.“
Mehr als eine neue Mähne
Mit Föhn, Schere und Rasierer geht es den alten Haaren an den Kragen. Allerdings wird nur geschnitten und gestylt. Blondierungen und Farben gibt es nicht. Doch es geht um mehr als nur um eine neue Mähne. „Ein Friseurbesuch kann auch glücklich machen“, sagt Nix. „Die Menschen, die wir frisieren, können sich durch uns schön fühlen.“
Für die Lehrlinge bedeutet die Aktion nicht nur eine besondere berufliche Herausforderung, sondern auch eine wertvolle Teamerfahrung. „Die Azubis unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander“, sagt Haller. „Für sie ist das eine gute Übung – schließlich haben sie im späteren Berufsleben täglich mit anderen Kunden zu tun.“ Beide Lehrerinnen sind sichtlich begeistert von der Aktion.
"Es macht Spaß"
Das kann auch das Ehepaar Milena und Pasquale Basciano bestätigen. Die beiden Auszubildenden sind bereits zum zweiten Mal bei „Haarschnitte mit Herz“ dabei. „Es macht Spaß, hier mitzumachen“, sagt die 23-Jährige. Ihr Mann Pasquale fügt hinzu: „Wir lernen hier Menschen mit unterschiedlichen Geschichten kennen.“ Die Klienten seien zunächst oft zurückhaltend, doch das ändere sich beim Frisieren schnell.
„Nach kurzer Zeit öffnen sich viele und erzählen von sich“, so Pasquale. Beide schneiden hauptsächlich Kurzhaarfrisuren. „Wir haben heute schon jeweils einen Klienten frisiert“, erzählt Milena Basciano. Am liebsten kreiert sie einen Façon, ihr Mann dagegen greift für einen klassischen Boxerschnitt lieber zum Rasierer. Das Ehepaar möchte sich nach der abgeschlossenen Ausbildung mit einem eigenen Laden selbstständig machen.
Ein Griff zur Schere, ein Sprühstoß aus der Haarsprayflasche, ein Bürstenstrich – „Haarschnitte mit Herz“ zeigt, wie kleine Aufmerksamkeiten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern können.