Weinheim

Weinheimer Psychiater nach Polizei-Razzia im Gefängnis

Der Facharzt soll Rezepte an Patienten verkauft haben. Bei einer Durchsuchung fanden die Ermittler jede Menge belastenden „Beweis-Stoff“ ...

Geschlossen: An der Praxistür des Weinheimer Psychiaters hängt seit Montag ein Polizeisiegel. Foto: Gabriel Schwab
Geschlossen: An der Praxistür des Weinheimer Psychiaters hängt seit Montag ein Polizeisiegel.

Er soll Rezepte für Betäubungsmittel zu Barem gemacht haben: Ein 48-jähriger Psychiater ist in seiner Weinheimer Praxis verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt worden. Wie Dr. Marc Schreiner, Erster Staatsanwalt der Mannheimer Behörde, mitteilt, wird dem Facharzt gewerbsmäßiges Verschreiben von Betäubungsmitteln zur Last gelegt: „Platt ausgedrückt könnte man sagen: Drogenhandel durch den Arzt.“

WNOZ WhatsApp-Kanal

Die Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung auf WhatsApp! Aktuelle Nachrichten aus deiner Region. Die Top-Themen jeden Mittag frisch auf dem WhatsApp-Kanal.

Impressum

Erst vor einem Jahr verurteilt

Erst vergangenen Juli wurde der 48-Jährige vom Weinheimer Amtsgericht verurteilt, weil er Patienten auf WhatsApp-Bestellung Betäubungsmittel verschrieben hatte. Dafür bekam er eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten sowie ein Berufsverbot von drei Jahren. Das Urteil war jedoch nicht rechtskräftig, weil der Psychiater in Berufung ging. Dieser Prozess hätte eigentlich am Ende dieses Monats stattfinden sollen.

Ungeachtet dessen soll der 48-Jährige noch bis Mai dieses Jahres wiederholt Rezepte für Betäubungsmittel ausgestellt und regelmäßige Zahlungen von 1500 Euro und mehr in bar erhalten haben. Auch nach Informationen dieser Redaktion hat der Psychiater bis vor wenigen Wochen Menschen in seiner Praxis empfangen. Wie Staatsanwalt Schreiner auf Anfrage erklärte, sollen die Betäubungsmittel in drei Fällen in so großen Mengen verschrieben worden sein, dass die vermeintlichen Patienten sie an Dritte weiterdealen konnten. Dabei sprach der Jurist von medizinischem Cannabis in dreistelliger Grammzahl. Eine medizinische Indikation, also eine therapeutische Notwendigkeit, habe es in den genannten Fällen nicht gegeben.

LSD und MDMA gefunden

Mit seinen Handlungen geriet der Psychiater ins Visier von Spezialisten der Kripo Heidelberg und des Landeskriminalamts. Der Zugriff, das erklärten die Behörden am Donnerstag, erfolgte am Montag in der Praxis des 48-Jährigen. Bei der richterlich angeordneten Durchsuchung von Arbeits- und Privaträumen wurden 49 Gramm der Partydroge MDMA und über 500 mutmaßliche LSD-Trips sowie zahlreiche Unterlagen sichergestellt. Die Liste an Vorwürfen gegen den Psychiater ist lang: Vor allem wird ihm das gewerbsmäßige Verschreiben von Betäubungsmitteln in fünf Fällen zur Last gelegt. In drei Fällen soll dies in Tateinheit mit der Beihilfe zum Handeltreiben geschehen sein. Außerdem muss er sich aufgrund der gefundenen Substanzen wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge verantworten.

Auch wird gegen ihn wegen der weiteren Ausübung seiner Arzttätigkeit ermittelt. Das vom Weinheimer Amtsgericht verhängte Berufsverbot war durch die Berufung des 48-Jährigen zwar noch nicht rechtskräftig. Jedoch ordnete das zuständige Regierungspräsidium das Ruhen der Approbation des Psychiaters an. Der Tatvorwurf lautet deshalb: unerlaubte Ausübung der Heilkunde. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Mannheim und der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg dauern an.

Videos und Fotos

Dabei dürfte auch die Beweislast aus dem 2022 geführten Prozess eine Rolle spielen. Neben Chatverläufen führte die Staatsanwaltschaft damals auch eine Vielzahl an Fotos und Videoaufnahmen vom Handy des Arztes ins Feld. Sie stammten alle aus dem Jahr 2020 und zeigten den Mediziner mit bunten Pillen auf der Zunge, mit Blut und weißem Staub an der Nase, an einem Tisch mit Bekannten vor mutmaßlichen Kokain-Lines – auch in den Praxisräumen. Um die „Lines“ zu ziehen, wurde sogar der Arztausweis genutzt. „Persiflagen für TikTok mit kabarettistischem Einschlag“ hatte der Psychiater die Aufnahmen genannt. Eine Haarprobe wurde damals positiv auf fünf verschiedene Drogen getestet.

Zu diesem Zeitpunkt war der 48-Jährige schon vorbestraft. Das Amtsgericht Bensheim hatte ihn unter anderem wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln und Trunkenheit am Steuer verurteilt.

Ein junger Mann stand am Donnerstag vor der Praxis des Psychiaters. Laut der telefonischen Bandansage sollte diese gestern wieder ihre Pforten öffnen. Der Besucher war sichtlich unter Anspannung, hoffte auf ein Rezept von dem Facharzt: „Es gibt Leute, die das Zeug wirklich brauchen“, meinte er.

Um welches Zeug es sich handelte, sagte er nicht. Das Polizeisiegel zerschlug seine Hoffnung: Er ging mit leeren Händen wieder die Treppen hinunter, wo er einem Bekannten begegnete: „Diese Ära ist zu Ende“, sagte er.