Fast 300 Drogenrezepte gegen Geld verschrieben? Weinheimer Psychiater muss vor Gericht

Ein Weinheimer Psychiater steht vor einem Prozess, der ihm eine Vielzahl von Vergehen vorwirft, darunter das gewerbsmäßige Verschreiben von Betäubungsmitteln und der Besitz von Partydrogen.

Foto: Gabriel Schwab

Dem Weinheimer Psychiater, der im Juni verhaftet wurde, wird der Prozess vor dem Landgericht Mannheim gemacht.

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Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen gewerbsmäßiges Verschreiben von Betäubungsmitteln in 291 Fällen, mit Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse in zehn Fällen, unerlaubter Ausübung der Heilkunde in 114 Fällen sowie der Besitz von 42 Gramm der Partydroge MDMA vor.

Mittlerweile werden auch Vorwürfe gegen eine Angestellte erhoben, die in zwei Fällen Beihilfe bei dem unerlaubten Verschreiben von Betäubungsmitteln geleistet haben soll. Ihr wird zur Last gelegt, den Arzt in zwei Fällen durch Bedrucken bereits unterschriebener Blankorezepte und Aushändigung an die Patienten unterstützt zu haben.

Rückblick: Mitte Juni fand eine Razzia in den Weinheimer Praxisräumen des 48-jährigen Psychiaters statt. Wie Dr. Marc Schreiner, Erster Staatsanwalt der Mannheimer Behörde, damals mitteilte. Erst im Juli 2022 wurde der 48-Jährige vom Weinheimer Amtsgericht verurteilt, weil er Patienten auf WhatsApp-Bestellung Betäubungsmittel verschrieben haben soll. Dafür bekam er eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Jedoch hat er gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Es ist somit nicht rechtskräftig.

Ausgerechnet im Zeitraum der Verurteilung soll er laut Staatsanwaltschaft begonnen haben, Zahlungen von den Patienten für die Rezepte entgegenzunehmen – mindestens 1500 Euro. „Platt ausgedrückt könnte man sagen: Drogenhandel durch den Arzt“, erklärte damals Staatsanwalt Schreiner. Dabei habe der Psychiater "die erforderliche ärztliche Kontrolle und Begleitung nicht in der gebotenen Art und Weise wahrgenommen und die Betäubungsmittel teilweise über die gesetzlich erlaubten täglichen oder monatlichen Höchstmengen hinaus verschrieben", so Dr. Schweppe, Pressereferentin der Staatsanwaltschaft Mannheim.

Ex-Patientinnen des im Juni inhaftierten Psychiaters aus Weinheim finden keinen Arzt und berichten von einer Stigmatisierung in den Praxen.
Ex-Patientinnen des im Juni inhaftierten Psychiaters aus Weinheim finden keinen Arzt und berichten von einer Stigmatisierung in den Praxen.

Teilweise habe er seinen Patienten zudem wunschgemäß eine Bescheinigung zur Verwendung von Cannabis ausgestellt und ihnen trotz des Marihuanakonsums die Fahrtauglichkeit bescheinigt. Obwohl seit Oktober 2022 durch das zuständige Regierungspräsidium Stuttgart rechtskräftig das Ruhen der Approbation des Arztes angeordnet worden war, soll er trotz Kenntnis dieser Anordnung zudem seine ärztliche Tätigkeit fortgeführt haben.

Das Landgericht hat nunmehr über die Zulassung der Anklage zu entscheiden. Ein Verhandlungstermin wurde noch nicht bestimmt. Der Arzt befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft.

Psychiatermangel in Weinheim

Für die Ärzteversorgung in Weinheim hat das bittere Folgen. Ex-Patientinnen des im Juni inhaftierten Psychiaters aus Weinheim berichten von einer Stigmatisierung. Die WNOZ unterhielt sich mit Frauen, denen die Hilfe in hiesigen Arztpraxen verweigert wurde, weil sie zuvor bei dem beschuldigten Facharzt in Behandlung waren.

Außerdem gibt es in der 45 000-Einwohner-Stadt mit Dr. Jens Marx nur noch einen einzigen praktizierenden Psychiater. Dort herrscht: Aufnahmestopp. „Das Patientenaufkommen ist sehr hoch“, so Marx. Neuaufnahmen gebe es allenfalls sporadisch und nur dann, wenn der jeweilige Hausarzt anrufe und die Dringlichkeit der Lage unterstreiche.

Aktualisiert am 12. Oktober, 19.19 Uhr