Nach Verhaftung: Weinheim hat einen Psychiatermangel
Es gibt nur noch einen Facharzt für Erwachsene. Was das für die Patienten bedeutet und was die Kassenärztliche Vereinigung und regiomed dazu sagen.
Und da war es nur noch einer. Dr. Jens Marx ist Weinheims letzter praktizierender Erwachsenen-Psychiater. Der einzige Fachkollege, den er in der Zweiburgenstadt hatte, befindet sich seit Montag in Untersuchungshaft. Dem 48-Jährigen wird gewerbsmäßiges Verschreiben von Betäubungsmitteln zur Last gelegt (wir haben berichtet).
Die Lage für Weinheimer mit psychischen Erkrankungen ist damit prekär. Denn auch in der Psychiaterpraxis von Jens Marx (Bild: privat) kommen sie nicht unter. Dort herrscht: Aufnahmestopp. „Das Patientenaufkommen ist sehr hoch“, so Marx. Neuaufnahmen gebe es allenfalls sporadisch und nur dann, wenn der jeweilige Hausarzt anrufe und die Dringlichkeit der Lage unterstreiche.
Das Limit ist erreicht
„Diese Menschen bekomme ich auch nur dann unter, wenn ich die Termine nach Dienstschluss oder in der Mittagspause vereinbare“, sagt der Psychiater. Mit einer Patientenzahl im vierstelligen Bereich sei das Limit erreicht. Nicht nur, was die Arbeitsbelastung anbelange. Sondern auch in puncto Etat: Die psychiatrischen Praxen unterliegen einer Budgetierung. Für weitere Patienten wird Jens Marx kaum bezahlt.
Wenig Anlass zur Hoffnung
Ein Blick auf die Bedarfsplanung des Rhein-Neckar-Kreises gibt in Weinheim wenig Anlass zur Hoffnung. Der Versorgungsgrad wird nicht kommunal, sondern immer auf Landkreis-Ebene berechnet. Wie Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), auf WN-Anfrage erklärt, beträgt dieser bei Nervenärzten/Psychiatern derzeit 110,9 Prozent. „Damit ist keine zusätzliche Niederlassungsmöglichkeit für Psychiater gegeben.“ Gleichzeitig betont Sonntag zu den Zahlen: „Sie können nur einen sehr groben Anhaltspunkt über die Versorgungssituation bieten.“ Trotz des hohen Grades könne es daher durchaus sein, dass es Wartezeiten in den Praxen gibt beziehungsweise Patienten Schwierigkeiten haben, einen Termin zu bekommen.
Kritik vom Ärzteverein
Eine weitere Unschärfe und gleichzeitig ein Problem in der Versorgung ergibt sich durch den Umstand, dass Neurologen und Psychiater in der Bedarfsplanung als eine gemeinsame Fachgruppe „Nervenärzte“ behandelt werden. Das bedeutet: Selbst wenn einer der zwölf Sitze im Rhein-Neckar-Kreis frei wird, bedeutet das nicht, dass dieser von einem Psychiater besetzt wird (und noch lange nicht, dass dieser sich auch in Weinheim niederlässt). Dr. Friedrich-Karl Schmidt vom Weinheimer Ärzteverein regiomed kritisiert die antiquierte Zusammenfassung von Neurologen und Psychiatern zu Nervenärzten als „absurd“: „Das sind ganz unterschiedliche Arztbereiche.“
„Besondere Katastrophe“
Jens Marx erzählt, dass die Vergangenheit gezeigt habe, dass die freien Plätze eher von Neurologen besetzt werden würden. „Es ist kein besonders beliebter Fachbereich bei Studenten“, sagt Marx. Das Nachwuchsproblem wird mit einem Blick auf die Altersstruktur der Psychiater deutlich: Laut KV-Sprecher Kai Sonntag sind acht der zwölf Ärzte über 60 Jahre alt. Es sei schon eine „besondere Katastrophe“, meint Schmidt vom Ärzteverein. Menschen mit psychischen Leiden liefen verstärkt bei ihren Hausärzten auf. Je nach Krankheitsbild sei dort jedoch nur eine Symptombehandlung oder gar keine adäquate Therapie möglich. „Schwere psychiatrische Fälle wird dieser nicht behandeln können“, so Schmidt, der selbst lange Hausarzt war.
PZN keine Ausweichoption
Die Weinheimer Außenstelle des Psychiatrischen Zentrums Nordbadens (PZN), das Zentrum für Psychische Gesundheit, sei keine Ausweichoption. Von diesem sei ihm mitgeteilt worden, dass die Kapazitäten für ambulante Behandlungen äußerst gering sind. „Es bleibt dann nur noch die Möglichkeit, Erkrankte nach Wiesloch zur stationären Aufnahme zu schicken“, sagt Friedrich-Karl Schmidt. Ob diese dann aber bleiben dürfen, entscheidet erst ein Aufnahmegespräch.
Lange Wartezeiten
Psychisch Erkrankte müssen sich also in Zukunft auf eine Odyssee einstellen. „Sie werden sich im ganzen Landkreisgebiet auf die Suche nach einem Arzt machen müssen“, so die Meinung des Weinheimer Psychiaters Jens Marx. Und die Patienten werden sich auf lange Wartezeiten von drei Monaten und mehr einstellen müssen.