Patienten verbürgen sich für Psychiater
Im Fall des Weinheimer Psychiaters, der sich in zurzeit in Untersuchungshaft befindet, melden sich seine ehemaligen Patienten zu Wort.
Neben der strafrechtlichen Perspektive gibt es auch noch die medizinische und menschliche Seite im Fall des angeklagten Psychiaters. In den vergangenen Wochen und Monaten meldeten sich immer wieder ehemalige Patienten bei der Redaktion zu Wort. In ihren Äußerungen schildern sie Fassungslosigkeit bis hin zu Unglauben über die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Die zentrale Frage: Wie kann es sein, dass ein für sie so wichtiger und hingebungsvoller Ansprechpartner gleichzeitig solche Straftaten begangen haben soll?
So meint eine Frau aus Wald-Michelbach: „Er ist der beste Arzt auf seinem Gebiet, mit seiner Kompetenz und Menschlichkeit hat er meinem Sohn das Leben gerettet, und ich weiß: vielen andern auch!“
Eine 55-jährige Weinheimerin schildert im Gespräch, wie der Facharzt ihr aus einer psychischen Notlage geholfen habe. Dass er der erste Mediziner war, der sie mit ihren Depressionen und Angstattacken so richtig verstanden habe. Er sei immer für sie ansprechbar gewesen und habe sie dabei unterstützt, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Eine 59-Jährige aus Weinheim betonte, dass sich der Facharzt nur durch ein Engagement weit über die regulären Arbeitszeiten hinaus um so viele Patienten habe kümmern können. Neben der psychiatrischen Behandlung schildern ehemalige Patienten, dass sie auch auf psychotherapeutischer Ebene (Verhaltens-/Gesprächstherapie) von ihm versorgt wurden.
Tatsächlich, so berichtete unsere Zeitung in der Ausgabe des 25. Juli, zog der Wegfall des Psychiaters einen regelrechten Ansturm von Ex-Patienten in den Praxen von Weinheim und Umgebung nach sich. Mittlerweile gibt es nur noch einen praktizierenden Psychiater in der 45 000-Einwohner-Stadt, dessen Kapazitäten erschöpft sind. Ende des Jahres will nun auch der letzte Kinder- und Jugendpsychiater seine Praxis schließen.
Was das bedeutet, kommentiert Thorsten A., der nach eigenen Angaben 20 Jahre lang Patient des angeklagten Psychiaters gewesen ist, auf Facebook: „Natürlich muss er bestraft werden, wenn die Anschuldigungen richtig sind. Was mir aber sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass ich seit Juni keinen Psychotherapeuten mehr habe und auch nirgendwo unterkomme.“