Nach Ansturm von Drogensüchtigen: Patienten werden weggeschickt
Magdalena (Name von der Redaktion geändert) weiß nicht mehr weiter. Die 55-Jährige leidet unter Depressionen und Panikattacken, findet aber keinen Mediziner. Wie viele Ex-Patienten eines inhaftierten Psychiaters aus Weinheim trägt sie sein Stigma. Arztpraxen weisen die Erkrankten pauschal ab: Sie haben Angst, welche Substanzen sie womöglich verschrieben bekommen wollen.
Ex-Patientinnen des im Juni inhaftierten Psychiaters aus Weinheim berichten von einer Stigmatisierung. Die Weinheimer Nachrichten unterhielten sich mit Frauen, denen die Hilfe in hiesigen Arztpraxen verweigert wurde, weil sie zuvor bei dem beschuldigten Facharzt in Behandlung waren. „Wir bekommen einen Stempel aufgedrückt“, berichtet Magdalena (Name von der Redaktion geändert). „Ich habe einfach Angst, niemanden zu finden, der mir helfen will“, so die 55-Jährige, die seit Jahren unter starken Depressionen leidet. Für sie tickt die Uhr: Ihre Psychopharmaka sind fast aufgebraucht. Sie braucht dringend ein neues Rezept.
Ein Psychiater für rund 45 000 Einwohner
In der 45 000-Einwohner-Stadt gibt es mit Dr. Jens Marx nur noch einen einzigen praktizierenden Psychiater. Sein Fachkollege befindet sich seit Juni in Untersuchungshaft. Dem 48-Jährigen wird gewerbsmäßiges Verschreiben von Betäubungsmitteln zur Last gelegt. So soll er laut Staatsanwaltschaft Mannheim seinen Patienten gegen Geld Substanzen verordnet und regelmäßige Zahlungen von 1500 Euro und mehr in bar erhalten haben (wir haben berichtet). Darüber hinaus hat der Psychiater eine erhebliche Zahl von Substitutionspatienten behandelt. Das sind Menschen, die unter einer Drogensucht leiden, und unter ärztlicher Aufsicht ein Ersatzmittel verabreicht bekommen.
Nachdem der Praxisbetrieb des Psychiaters nun zum Stillstand gekommen war, schwärmten diese Patienten zu anderen Ärzten aus, um ihr Ersatzmittel zu bekommen. Dr. Friedrich-Karl Schmidt vom Weinheimer Ärzteverein regiomed spricht von einem „Ansturm“, der sich zwischenzeitlich wieder gelegt habe. Für die Mediziner war das eine problematische Situation: „Der Suchtdruck, unter dem Abhängige stehen und den sie an Ärzte weitergeben, ist ganz enorm, und wenn man nicht sehr standhaft und gut organisiert ist, kann einem der ganze Praxisbetrieb durcheinander geraten“, so Schmidt weiter. Fachmann Dr. Jens Plachky aus Ladenburg wurde nach Weinheim gerufen: „Er hat uns sehr umfangreich die Bedingungen und Methoden der Substitution bei Drogenabhängigen dargelegt.“
"Ich hätte explodieren können"
Der Effekt, der aufgrund des Ansturms in den Praxen eintrat, war offensichtlich ein anderer. „Ich hätte explodieren können“, berichtet Barbara (Name von der Redaktion geändert) kurz nach ihrem Versuch, bei einem Weinheimer Arzt unterzukommen. Die 59-Jährige leidet unter dem Restless-Legs-Syndrom. Das ist eine chronische neurologische Erkrankung, bei der Betroffene einen unwiderstehlichen Bewegungsdrang verspüren, der von Schmerzen, Pochen und etwa Jucken in den Beinen begleitet wird. Das Medikament Pramipexol schlägt bei ihr gut an und schafft Linderung. Doch wie die 55-jährige Magdalena trägt sie das Stigma ihres ehemaligen Facharztes.
Als Barbara sich für die Sprechstunde anmelden will, wird sie zunächst nach dem Namen des Arztes gefragt, bei dem sie bisher in Behandlung gewesen war, berichtet sie. „Darauf meinte die Arzthelferin: ,Seine Patienten nehmen wir nicht. Wenden Sie sich an Dr. Marx. Wir verschreiben Ihnen nichts.’“ Auch dort sei sie abgewiesen und wiederum zum Hausarzt verwiesen worden. Jens Marx, Psychiater und kein Neurologe, kann sich vor Patienten kaum noch retten (wir berichteten). Neuaufnahmen gebe es allenfalls sporadisch und nur dann, wenn der jeweilige Hausarzt anrufe und die Dringlichkeit der Lage unterstreiche. „Diese Menschen bekomme ich auch nur dann unter, wenn ich die Termine nach Dienstschluss oder in der Mittagspause vereinbare“, sagt der Psychiater. Mit einer Patientenzahl im vierstelligen Bereich sei das Limit erreicht. Mittlerweile berichtete auch die Redaktion von SWR Aktuell, die Dr. Jens Marx in seiner Praxis besuchte.
Boden unter den Füßen weggezogen
Magdalena, bei der vor 15 Jahren Depressionen und eine Panikstörung diagnostiziert wurden, weiß nicht mehr weiter. Die psychischen Erkrankungen haben die ehemalige Köchin aus dem Berufsleben geworfen. „Ich konnte nicht mehr einkaufen, nicht mehr spazieren gehen, nichts essen, noch nicht einmal Bücher lesen oder Musik hören.“ Was auch immer für Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Psychiater im Raum stehen: „Er hat mir immer Rückhalt gegeben. Ich wusste, dass ich mich jederzeit an ihn wenden kann.“ Als die 55-Jährige den Artikel über seine Verhaftung in den Weinheimer Nachrichten gelesen hat, habe es ihr den Boden unter den Füßen weggezogen: „Ich war traurig, habe geweint und war tierisch nervös.“
Die Angst vor der Verschlechterung ihres Zustandes schlug ein. Und sie wird womöglich bald bittere Realität: Ihre Medikamente gehen zur Neige. Ihre Hausärztin habe ihr zwar ein Rezept ausgestellt, jedoch dazu gesagt, dass es „eine einmalige Sache“ gewesen sei. Das nächste müsse sie beim Facharzt holen. Psychopharmaka haben beim An- und Absetzen mitunter heftige Nebenwirkungen. An diese erinnert Magdalena sich noch gut: „Es ist, als ob man Stromschläge bekommt. Ich war sehr gereizt, konnte nicht mehr schlafen. Mir war auch ständig übel.“ Außerdem sei es mit den Medikamenten ja auch nicht getan. Sie brauche jemanden, an den sie sich wenden kann. „Und dem ich vertrauen kann. Es ist nicht einfach, einem Menschen sein Innerstes zu öffnen.“
Suchradius erweitern
Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, empfiehlt Ex-Patienten, den Suchradius zu erweitern. Er verweist auf die Servicestelle der KV, die unter Telefon 116 117 erreichbar ist. „Uns ist klar, dass das eine schwierige Situation darstellt. Aber es gibt eben nur die Psychiater, die es gibt.“ Dem Rhein-Neckar-Kreis sind zwölf Sitze zugewiesen, auf die sich Fachärzte niederlassen können. Neurologen und Psychiater werden in der Bedarfsplanung als eine gemeinsame Fachgruppe „Nervenärzte“ zusammengefasst. Es fehlt an Nachwuchs: Laut KV-Sprecher Kai Sonntag sind acht dieser zwölf Ärzte über 60 Jahre alt.
"Nicht alle Drogenabhängige"
Dr. Schmidt vom Ärzteverein regiomed wendete sich nun an Weinheimer Arztpraxen. Mit Blick auf den inhaftierten Psychiater schreibt er: „Er hat nicht nur Drogenabhängige versorgt. Es gab bei ihm auch psychiatrische Patienten mit einer Dauermedikation, die in manchen Fällen nicht abgebrochen werden sollte.“ Kollege Dr. Marx arbeite längst am Limit. „Und auch bei unseren beiden Neurologen braucht man Vorlauf für einen Termin“, schreibt Friedrich-Karl Schmidt. Zur Überbrückung seien jetzt vor allem die Hausarztpraxen gefragt. Zumindest so lange, bis die Diagnosen bestätigt oder korrigiert werden könnten.