Werner-Heisenberg-Gymnasium: Fesselndes „Frühlings Erwachen“
Theater- und Technik-AG der Weinheimer Schule setzen mit der Inszenierung des Dramas neue Maßstäbe.
Niemand kann und niemand will sich dem Geschehen entziehen, auch wenn es auf ein tragisches Ende zuläuft. Dazu ist die Inszenierung des Weinheimer Werner-Heisenberg-Gymnasiums (WHG) von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in der Version des Theater- und Filmregisseurs Nuran David Calis zu packend, fesselnd und mitreißend.
Die 17 Schüler des Ensembles bespielen über zwei Stunden die ganze Aula und werden phasenweise durch die Technik-AG in Videosequenzen zusätzlich in Szene gesetzt. Sie klettern an einem Baugerüst hoch und runter. Sie ziehen beim Wechsel des Schauplatzes durch die im ganzen Raum verteilten, teilweise auf simplen Papphockern sitzenden Zuschauer zu einer kleinen Nebenbühne oder liefern sich auf der Hauptbühne in einem eingelassenen Pool einen atemberaubenden Wasserkampf.
Spätestens in dieser spektakulären Szene ist klar, warum der Sanitätsdienst des WHG bei den drei Aufführungen präsent ist. Bei der Premiere musste er jedenfalls nicht einschreiten.
Die Mitwirkenden
Darsteller: Adam Blaue (Melchior), Oskar Volz (Moritz), Victoria Cipri (Wendla), Emilia Mesarosch (Ilse), Lotte Raden (Martha), Markus Musseleck (Otto und Papa Stiefel), Noa Dobler (Hans), Linus Licht (Ernst), Isabella Rexroth (Thea), Maja Meder (Henrike), Celia Beltran (Gigi), Elisa Mesarosch (Cassy), Bori Beke (Jill), Ronja Hentschel (Linn), Carolina Löhr (Marie), Margherita Bieser (Lara) und Jette Krick (Mama Bergmann).
Technische Leitung: Iris Herpich und Simon Maier.
Licht: Anika Baliga, Cornelius Koenig und Lars Schmiedeberg.
Tontechnik: Diana Babii, Daniel Remolina Prada und Evelyn Scholz.
Video: Iris Herpich, Simon Maier, Philipp Heinzelbecker und Hans Stael von Holstein.
Bühnenbau: Günter Ochs, Simon Maier und Iris Herpich.
Musik: Eric Baumbach. Inspizientin: Monika Höhn.
Grafikdesign: Iris Herpich.
Regie: Rieke Eichner und Christian Maul.
Nicht nur in dieser Szene, in der zwischen den Hauptfiguren Wendla und Melchior – glänzend dargestellt von Victoria Cipri und Adam Blaue – aus Spiel und erster erotischer Anziehungskraft tödlicher Ernst wird, bricht das mentale Gewitter los, das sich in den Jugendlichen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden zusammenbraut.
Dass die Darsteller glänzend in ihren Rollen aufgehen und sich mit ihren darzustellenden Charakteren verbinden, liegt nicht nur an der altersbedingten Nähe zu ihren Figuren. Die Regiearbeit von Rieke Eichner und Christian Maul hat dem gesamten Ensemble enorme Textsicherheit, Rollen- und Raumgefühl vermittelt. Alle Darsteller kennen ihre Wege, lassen Emotionen sichtbar werden, und an Wirrungen der Gefühle mangelt es wahrlich nicht. Dieses Theater geht in jeder Szene unter die Haut.
Tiefgang und Aktualität
In einer nahtlos ineinander übergehenden Aneinanderreihung von Dialogen, Monologen und Gruppenszenen entsteht eine energetisch aufgeladene Welt der Heranwachsenden, die sich in ihren futuristisch anmutenden Kostümen in der WHG-Inszenierung auch optisch radikal abgrenzen. Es gibt keine thematischen Tabus.
Häusliche Gewalt durch Eltern, sexuelle Selbstbestimmung, das in der digitalisierten, von sozialen Medien beherrschten Welt gesteigerte Tempo und der verstärkte soziale Druck: Die Themen katapultieren den Schauspiel-Klassiker von Wedekind in die Gegenwart. Soeben in einem sich verändernden Körper mit neuen Erwartungen an sich selbst konfrontiert, sehen sich insbesondere Mädchen an der Schwelle zur Frau einem ständigen Vergleichskampf ausgesetzt.
Das Sich-selbst-Ausprobieren und Etwas-erleben-Wollen, das Ausbrechen der von der Mutter unverstandenen Wendla hat fatale Folgen. Die 14-Jährige wird schwanger, doch Melchior kann die Verantwortung einer Vaterschaft noch nicht tragen, zumal er selbst in tiefer Trauer um seinen besten Freund Moritz steckt. Der in seiner Traumwelt wandelnde Teenager ringt vergeblich um die Anerkennung seines strengen, in eigenen Zwängen steckenden Vaters und nimmt sich das Leben. Oskar Volz spielt den Einzelgänger Moritz, dem das Leben die kalte Schulter zeigt, überragend authentisch und mit dem geforderten Tiefgang. Wie eine Mahnung hängt sein Satz im Raum: „Weiß jemand da draußen, nach wem wir Ausschau halten?“
Theaterabend der Spitzenklasse
Kein Zweifel: Es ist schwere Kost, die von der Theater-AG des Heisenberg-Gymnasiums in enger Zusammenarbeit mit der Technik-AG verabreicht wird. Gestützt von einem neuen Raumkonzept, das eine besondere Theateratmosphäre in die Aula zaubert und das Publikum mitten ins Geschehen nimmt, setzt die Inszenierung neue Maßstäbe.
Dass sich das gesamte Ensemble bei der Premiere nochmals gesteigert hat, wie der kommissarische Schulleiter Martin Schmitt beim rauschenden Schlussapplaus meinte, bestätigt den zuvor gewonnenen Eindruck: Diese Aufführung verdient nicht nur die volle Punktzahl, sondern noch ein Sternchen.