Ich habe das Ayurveda Kitchen Retreat ausprobiert
Kann man Ayurveda, Achtsamkeit und kleine Glücksmomente tatsächlich so einfach in seinen Alltag integrieren, wie Volker Mehl und Anke Pachauer versprechen? WNOZ-Redakteurin Verena Müller hat es ausprobiert.
"Deine Auszeit mit Stress-Weg-Garantie" - das verspricht der Klappentext des neuen Buches "Unser Ayurveda Kitchen Retreat" von Volker Mehl, Heppenheimer und bekanntester Ayurveda-Koch Deutschlands, und seiner Frau Anke Pachauer. Anfang vergangener Woche bin ich mit den beiden zum Interview verabredet und das Gespräch über die kleine Ayurveda-Kur für zu Hause macht mit neugierig. Zwar fühle ich mich eigentlich gar nicht sooo gestresst. Aber ich stecke mittendrin in der Alltags-Dauerschleife der Mit-Vierziger, irgendwo zwischen Job, Tierarzt, Kinder-Sport-Taxi, den eigenen Ansprüchen an mich selbst. Genau deshalb wird es vermutlich auch in den nächsten zehn Jahren nichts mit einem schicken Fünf-Sterne-Retreat in Südostasien, noch nicht mal in den österreichischen Alpen. Meine Küche in Weinheim hingegen als Ort der Entspannung? Das könnte gehen. Außerdem sammle ich gerne neue Erfahrungen, bin neugierig auf alles, was ich bisher nicht kannte. Ayurveda? Warum nicht!
Meine Erwartungen an das Retreat
Was ich erwarte? In erster Linie will ich neue Erfahrungen machen, meinen Horizont erweitern - leckeres Essen und meinem Körper dabei etwas Gutes tun, das ist natürlich auch nicht schlecht.
Schwer haben es die Autoren mit mir übrigens nicht. Zwar kenne ich mich zu Beginn meines Experiments (noch) nicht mit Ayurveda aus, mache aber offenbar instinktiv schon ein paar Sachen richtig. Warme Mahlzeiten bevorzugen? Traumhaft. Nichts vermiest mir die Laune und wenn ich so darüber nachdenke auch das körperliche Wohlbefinden mehr, als das klassische deutsche "Abendbrot" mit kaltem Brot, kaltem Käse und am besten noch kühlschrank-kalten Essiggurken. Fleisch esse ich zwar, kann aber auch wochenlang vegetarisch leben, ohne das Gefühl haben, dass mir etwas fehlt. Im Ayurveda ist Fleisch zwar nicht verboten, die Rezepte im Retreat-Buch sind jedoch vegetarisch und können auch vegan zubereitet werden. Ich weiß, wie selig der Geruch von gutem Curry oder der Duft von frischem Koriander macht. Ich kenne die positiven Effekte regelmäßiger Yoga-Übungen auf meinen Körper und auf meinen Geist und ich glaube fest daran, dass gute Gedanken stärken und erden können.
Die Vorbereitungen
An einem Dienstag starte ich mich den Vorbereitungen - den Vorschlag, das Retreat am Wochenende zu beginnen, schlage ich natürlich selbstbewusst in den Wind. Es kann mir nicht schnell genug gehen, wie immer. Ich kaufe das Buch, blättere ein bisschen hin und her, lese quer und kann es ehrlich gesagt kaum abwarten, loszulegen. Anders als im Buch vorgeschlagen, bereite ich nicht gleich alle Drinks, Dressings und Saucen auf Vorrat zu. Stattdessen entscheide ich mich dafür, zumindest die Minestrone, die es an den ersten beiden Tagen mittags und abends geben soll, vorzukochen. Das wird mir einiges abverlangen: Zwei Tage hintereinander dasselbe essen - und dann auch noch zweimal am Tag. Aber gut, ich sage mir: ausprobieren. Immerhin hat das Ganze einen Sinn, es soll es meine Verdauung entlasten.
Die Küche und das Kochen durch die Wellness-Brille zu betrachten, das ist eine meiner leichtesten Übungen. Oder? Am Wochenende mit Liebe und Hingabe zu kochen ist keine Kunst. Aber unter der Woche? Nervt es schon manchmal gewaltig. Und dann sind da ja noch ein paar Familienmitglieder, die mit dem ayurvedischen Essensplan noch nicht so ganz einverstanden sind. Wir werden sehen, ob "dieses Mindset eine gute praktische Übung ist, um entspannt und glücklich zu leben", wie Volker und Anke schreiben.
Tag 1 - es kann losgehen
Für jeden der sieben Retreat-Tage gibt es einen überschaubaren Plan. Morgenroutine samt Atemübungen und Yoga, drei Mahlzeiten, Abendroutine, den Tag reflektieren und mich selbst. Tag 1 steht unter dem Motto "Verbindung und Erdung". Um 5 Uhr klingelt mein Wecker. Doch anstatt wie sonst noch ein-, zweimal auf die Schlummertaste zu drücken, stehe ich sofort auf, mache mir meinen Morning-Drink (heißes Wasser mit Ingwer, Fenchel- und Anissamen) und ein süßes Porridge. Beides soll mein Agni entfachen, mein Verdauungsfeuer. Der Verdauung von Nahrung wird im Ayurveda große Bedeutung zugemessen, lese ich im Buch. Die "Zehn goldenen Tipps für ein gut funktionierendes Agni" von Volker und Anke - die ich jetzt duze, weil sie die nächsten sieben Tage meinen Alltag prägen - habe ich mir auch zu Gemüte geführt. Mich beruhigt vor allem der Nachsatz: "Ganz besonders wichtig: locker bleiben! Es geht nicht darum, dogmatisch jeden Tag alle Punkte abzuhaken, sondern vor allem darum, dass du dich für dein Leben und dein Wohlbefinden interessierst und in dich hineinspürst, was dir guttut und was nicht." Mache ich, versprochen.
Das warme Porridge am Morgen mit Trockenpflaumen und ein paar Walnüssen ist eine wahre Wohltat. Das zimmerwarme Wasser ebenso. Und die Minestrone schmeckt köstlich - und sehr gesund.
Am Abend nehme ich mir tatsächlich eine halbe Stunde Zeit nur für mich und gehe den Fragen nach, die mir Anke und Volker jeden Abend stellen werden. Was hat mich heute genährt? Was integriere ich? Was lasse ich los? Obwohl ich eigentlich nur ein paar Sätze in mein Buch notieren will, schreibe ich erstaunlich viel über mich selbst auf. Die Zeit vor dem Schlafengehen ist so auch ohne Smartphone oder Tablet schnell vergangen. Früh ins Bett - das ist auch so eine Regel. Aber die hat mir schließlich auch noch nie geschadet. Vor 22 Uhr schaffe ich nicht ganz - aber fast.
Tag 3 - die erste Souwl
Für das Retreat hat Volker Mehl mehrere Souwls kreiert. Ein Wortspiel aus "Soup" und "Bowl" - und natürlich "Soul", dem englischen Wort für Seele. Eigentlich müsste ich mittags und abends dieselbe Souwl essen - an Tag 3 aus Süßkartoffeln zubereitet. Aber es geht nicht. Jeden Abend der Blick in das Buch mit 60 (!) Rezepten, die allesamt wirklich sehr köstlich und verheißungsvoll klingen. Und dann so eintönig essen? Geht nicht. Ich beschließe also, an meinen Routinen festzuhalten, mir aber Abwechslung zu gönnen. Grünes Fladenbrot mit Auberginen-Mus (absolut empfehlenswert!) zum Beispiel. Die Rezepte von Volker Mehl sind nicht nur sehr lecker, sie gehen auch schnell. Die meisten Gerichte sind im Schnitt in 30 Minuten fertig, die meisten Zutaten habe ich zu Hause oder bekomme sie beim Ahmet, dem Gemüsehändler meines Vertrauens. Der wundert sich ein bisschen, dass mein Ingwer-Konsum plötzlich in die Höhe schnellt. Er lobt mich aber, denn Ingwer sei vor allem jetzt in der Erkältungszeit sehr gesund.
Tag 4 - Fit wie Laozi
"Die Natur eilt nicht und dennoch wird alles erreicht" - der Spruch von Laozi dem chinesischen Philosophen, der mir schon an Tag 1 begegnet ist, sollte mein Mantra sein. Denn eilig habe ich es fast immer. Dennoch bemerke ich eine gewisse Entschleunigung an mir. An Tag 4, an dem es heute um Liebe, Selbstliebe und Selbstwert geht, fühle ich mich auch mental fit wie Laozi. Und nicht nur geistig, auch körperlich ist alles im grünen Bereich. Der lange Dauerlauf am Wochenende fällt mir deutlich leichter als die Woche davor. Kann natürlich auch Einbildung sein. Aber vielleicht auch nicht. Immerhin bekommt mein Körper seit Tagen fast nur frisches Gemüse, gut verdauliches Trockenobst und Vollkorngetreide. Verarbeitete Lebensmittel stehen so gut wie gar nicht auf meinem Speiseplan (okay, klitzeklitzeklitzekleine Ausnahmen gibt es).
Was mir aber doch schwerfällt: Zwischen den Herausforderungen des Alltags, den Essenswünschen der restlichen Familie, den Dingen, die einfach erledigt werden müssen, die Ruhe und Achtsamkeit zu finden, die ich mir vorgenommen habe. Manchmal koche ich die Sowl dann doch "nebenbei", weil gleich noch der Abendspaziergang mit dem Hund ansteht. Aber der ist immerhin meine Auszeit an der frischen Luft.
Tag 7 - Zeit für ein Fazit
Meine Retreat-Woche geht zu Ende. Und jetzt? Ich habe viel mitgenommen aus diesen sieben Tagen. Wirklich köstliche Gerichte, die im Alltag einfach zuzubereiten sind und die meinem Körper und meiner Verdauung richtig gutgetan haben. Ich habe Tipps für kleine, aber feine Wellness-Momente bekommen, für die man kein ganzes Wochenende, sondern höchstens ein Stündchen am Abend (oder einfach zwischendurch) braucht. Die Morgenroutine samt wohlig-warmem Porridge-Frühstück werde ich auf jeden Fall beibehalten, ebenso wie das Innehalten am Abend und die Fragen "Was behalte ich? Was lasse ich los?" Ghee und Ingwer habe ich künftig immer im Haus, denn mit Ghee, dem indischen Butterschmalz, kann man nicht nur kochen, sondern es ist auch feines Helferlein bei der Beauty-Routine.
Mein Fazit: Alle, die so neugierig sind wie ich, die mal etwas Neues ausprobieren und für sich ganz persönliche Wohlfühlrituale entwickeln wollen, sollten das Retreat unbedingt für sich ausprobieren. Aber nicht vergessen: Immer locker bleiben!