Die Lützelsachsenerin Büsra Kuru wird in der Türkei zum Profi
Die türkische Nationalspielerin aus Weinheim wechselt nach Istanbul. Dort will die 22-Jährige wachsen, um künftig auch wieder in Deutschland durchzustarten
28 Grad, Meeresbrise, das türkisblaue Wasser schwappt an den Kai. Zum Sommerurlaub ist Büsra Kuru regelmäßig in der Türkei. Doch diesmal bleibt sie länger. Die drei Wochen, die die 22-Jährige normalerweise in ihrer zweiten Heimat verbringt, werden jetzt zu einem Jahr. Mindestens. Die Lützelsachsenerin will in die deutsche Frauen-Bundesliga. Aber um dorthin zu kommen, nimmt sie Umwege in Kauf. Und die führen manchmal sogar in Urlaubsländer. Der Traum vom Fußball-Profi verwirklicht sic für Büsra Kuru aktuell bei Beylerbeyi SK. Beim Klub aus Istanbul unterschrieb die türkische Nationalspielerin einen Ein-Jahres-Vertrag. „Ich will hier den nächsten Schritt gehen und mich nicht nur sportlich weiterentwickeln. Dass das klappen wird, das merke ich schon jetzt.“
Zur Person
Büsra Kuru ist gebürtige Weinheimerin, ihre Familie lebt in Lützelsachsen. Bei der dortigen TSG 91/09 lernte sie auch das Fußballspielen, betrieb zunächst noch parallel Judo.
Schnell fokussierte sie sich auf den Teamsport, kam über die Stationen SG Hohensachsen, die U 17 der TSG 1899 Hoffenheim, FC Speyer, den Heidi-Mohr-Club Niederkirchen und Zweitligist FC Sand zum türkischen Erstligist Beylerbeyi SK.
Kuru bestritt 36 U-Nationalspiele für die Türkei, stand 21 Mal im Aufgebot der türkischen Frauen-Nationalmannschaft.
Die 1,57 Meter große, durchsetzungsfähige und schnelle Mittelfeldspielerin bekleidet beim türkischen Süper-Ligisten auf der Sechser-Position.
Erstmals weg von daheim
Es ist ein Riesenschritt für Kuru, den heimatverbundenen Familienmenschen. Bislang lebte sie noch bei ihren Eltern in Lützelsachsen, auch die Trainingsfahrten zu ihrem vorherigen Verein, dem badischen Zweitligist SC Sand, machte sie in den vergangenen beiden Spielzeiten von der Bergstraße aus. Ein Umzug in die Nähe von Offenburg war trotz des zweijährigen Engagements nicht vorgesehen. Jetzt also Türkei, wo sie aufgrund ihrer Nationalmannschaftszugehörigkeit ohnehin regelmäßig zu Trainingslagern im Vorfeld von Länderspielen zu Gast gewesen war. Und wo der Tabellenvierte der türkischen Super League auf sie aufmerksam wurde.
Der Rest war schnell entschieden. Sand, das den Aufstieg in die 1. Liga schaffen will, hätte gern mit der Weinheimerin weitergearbeitet. „Aber ich habe gemerkt, dass ich einen größeren Schritt gehen muss“, sagt Kuru. Gemeinsam mit ihrer Teamkollegin und Freundin Nadezhda Ivanova ist sie eine von zehn neuen Spielerinnen des Istanbuler Vorort-Klubs, der auf dem Weg zum Titel erst in den letzten Spielen der abgelaufenen Saison den bekannteren Konkurrenten wie Fenerbace, Besiktas oder Galatasary in der Tabelle den Vortritt lassen musste.
Den Titel im Visier
„Jetzt greifen wir wieder an. Und diesmal soll es mit dem Meistertitel klappen“, sagt Kuru, für die die Professionalität, mit der die erst 2016 gegründeten Frauen betreut werden, absolutes Neuland ist. Bei Beylerbeyi SK tut der Präsident und Hauptfinanzier alles, um das Team zur Meisterschaft zu führen. „Wir haben hier alles, was man braucht, um sich nur auf den Fußball zu konzentrieren. Zwei Physiotherapeuten, zwei Co-Trainer, Zeugwart, Betreuer, eine nur für den Klub angestellte Fotografin – alles in allem umfasst allein das Team um das Team 13 Menschen. Hier wird für alles gesorgt und wir können einfach nur Fußballerinnen sein“, sagt Kuru. „Wenn unsere Trainerin Bahar Özgürenc, übrigens die einzige Frau, die in der Liga trainiert, sagt, ihr sind zwei Wochen Trainingslager zu wenig, dann genügt ein Anruf beim Präsidenten und es wird eben eine Woche verlängert.“
Für Büsra Kuru, die das Fußballspielen bei der TSG 91/09 Lützelsachsen und der SG Hohensachsen lernte, ist der Schritt in die Türkei ein großer. Erstmals weg von der Familie, erstmals weg aus Deutschland, erstmals Profi. „Es ist ganz anders hier. Ich weiß gar nicht, wie man es beschreiben soll. Wir haben ja auch in Deutschland beide Kulturen gelebt. Aber hier wird nur Türkisch gesprochen, türkische Musik gehört, bei aller Professionalität viel getanzt und gelacht. Das südländische Lebensgefühl ist sehr besonders.“
Zwölf Nationen in einem Team
„Unsere Trainerin spricht Türkisch, der Sportliche Leiter übersetzt simultan ins Englische und wir übernehmen dann untereinander die Übersetzung für die, die beispielsweise nur Spanisch können. Allein was Sprachen angeht, lernt man schon extrem viel dazu“, sagt Kuru. Dadurch, dass so viele Nationen im Team vertreten seien, läge das Hauptaugenmerk der Trainerin aktuell auf der taktischen Ausrichtung.
„In jedem Land wird anders Fußball gespielt. Das zusammenzuführen, darin liegt aktuell die größte Aufgabe“, sagt Kuru, die in der Türkei dahin rückt, wo sie am liebsten spielt. In die Schaltzentrale. „Bislang durfte ich ja nur auf Außen ran, hier sieht mich meine Trainerin als Sechser. Auch das wird eine völlig neue Herausforderung, auf die ich mich aber total freue.“
Nicht nur sportlich eine Chance
5000 Zuschauer fasst das heimische Stadion, im September startet die Saison. Bis dahin wird bei den Vor- und Nachmittagseinheiten noch viel Schweiß vergossen. Ihr Fernstudium in Psychologie führt Kuru fort, ein zweites Standbein ist ihr bei aller Fokussierung auf den Sport wichtig. In Istanbul lebt sie in einer Wohngemeinschaft mit Fatma Kara und Nadezhda Ivanova. Es ist vieles neu, der nächste Schritt in Büsra Kurus Karriere ist kein kleiner. „Aber einer, der mich auf jeden Fall weiterbringen wird. Sportlich, menschlich, mental. Auf diese Chance freue ich mich total.“