94-Jährige stirbt nach Vernachlässigung - Prozess startet
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Weil sie den Tod einer 94 Jahre alten Großmutter durch Vernachlässigung verschuldet haben sollen, müssen sich von Freitag (9:30 Uhr) an die 62 Jahre alte Tochter und der 26 Jahre alte Enkelsohn vor dem Landgericht Frankfurt verantworten. Die Anklage legt ihnen Totschlag durch Unterlassen zur Last. Demnach kam die demenzkranke Seniorin bereits 2015 zur Betreuung in die Wohnung der Angeklagten nach Steinbach im Hochtaunuskreis.
Als sich der gesundheitliche Zustand der Frau mit der Zeit immer mehr verschlechterte, stellten Tochter und Enkel laut Anklage die Betreuung der an zahlreichen Geschwüren und Verletzungen leidenden Großmutter ein - obwohl sie als gesetzliche Betreuer der Großmutter dazu verpflichtet gewesen seien. Erst im Oktober 2019 wurde schließlich der Rettungsdienst verständigt, der die 94-Jährige in einem desolaten Zustand in der verwahrlosten und vermüllten Wohnung vorgefunden habe. Die geistig verwirrte Frau sei an einen Schaukelstuhl gefesselt gewesen. Medikamente und Pflegeutensilien waren nicht vorhanden. Die Frau starb schließlich nur einen Tag, nachdem sie in ein Krankenhaus gebracht wurde, an multiplem Organversagen.
Nachdem ein ausführliches medizinisches Gutachten eingeholt worden war, wurde im Oktober 2020 Anklage gegen die beiden Angehörigen erhoben. Weil sie jedoch zu keinem Zeitpunkt in Untersuchungshaft waren und die Schwurgerichgskammer mit Haftsachen überlastet war, zog sich das Verfahren in die Länge. Das Gericht hat nunmehr vier Verhandlungstage bis Ende Juli angesetzt. Ob sich die beiden Angeklagten zu dem Vorwurf äußern werden, war zunächst unklar. Mögliche Hintergründe der Vernachlässigung sind ebenso nicht bekannt.