Untersuchung

Eingestürztes Kirchendach: Mehrere Faktoren ursächlich

Seit dem Unglück in Kassel vor acht Monaten gehen Experten der Frage nach, warum die Dachkonstruktion der Elisabethkirche nachgegeben hat. Ein Gutachten bringt nun Klarheit.

Laut einem Gutachten stürzte die Decke der Elisabethkirche aufgrund verschiedener Ursachen ein. (Archivbild) Foto: Swen Pförtner/dpa
Laut einem Gutachten stürzte die Decke der Elisabethkirche aufgrund verschiedener Ursachen ein. (Archivbild)

Kassel (dpa/lhe) - Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren hat laut einem Gutachten zu dem Einsturz eines Kirchendachs in Kassel vor acht Monaten geführt. Das Unglück lasse sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen, erklärten die Bauingenieure Ulrich Huster und Lars Eisenhut der Firma HAZ in Kassel. 

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Wie Eisenhut ausführte, bestand die tragende Dachkonstruktion der 1959/1960 erbauten Elisabethkirche in der Kasseler Innenstadt aus geleimten Satteldachbindern. Dabei seien einzelne Elemente von bis zu fünf Metern Länge über spezielle Längsverbindungen, sogenannte Generalkeilzinkenverbindungen, zu längeren Gesamtträgern zusammengefügt worden. Diese Verbindungen waren verleimt mit Harnstoff-Klebstoff. 

«Die Verleimung war aus heutiger Sicht mangelhaft», erklärte Eisenhut. Sie habe im Laufe der Zeit ihre Festigkeit verloren. Die genaue Ursache dafür sollen Wissenschaftler der Universität Kassel nun ergründen. Möglich seien etwa eine Schrumpfung während der Herstellung oder klimatische Einflüsse während der Standzeit.

Zusätzliche Spannungen in Dachkonstruktion

Eine weitere Ursache laut den Gutachtern: Die Träger der Dachkonstruktion hätten nach dem heutigen Stand der Technik größer dimensioniert sein müssen, als es den Normen der Bauzeit entsprochen habe. Zudem seien über Jahre hinweg witterungs- und konstruktionsbedingte zusätzliche Spannungen in der Dachkonstruktion aufgetreten. Auch ein nachträglicher Dachaufbau in den 1980er Jahren führte den Ingenieuren zufolge zu einer dauerhaften Erhöhung der Last. 

«Die Generalkeilzinkenverbindungen sind über die Jahrzehnte wie ein Reißverschluss Schritt für Schritt von unten nach oben aufgerissen», erklärte Eisenhut. Schließlich sei die Dachkonstruktion kollabiert. 

Sämtliche 26 Dachbalken waren gebrochen

Die Ursachen seien vorab nicht erkennbar gewesen, betonten die Gutachter. «Die 63-jährige Standzeit ohne ein besonderes Lastereignis zum Einsturzzeitpunkt lässt den Schluss zu, dass es einen Schadensfortschritt im Laufe der Standzeit gab. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Tragfähigkeit nicht mehr ausreichend war», lautete ihr Fazit.

Am 6. November vergangenen Jahres war das Dach der katholischen Elisabethkirche auf voller Länge eingestürzt. Sämtliche 26 Dachbalken, die es getragen hatten, waren dabei gebrochen. Ein Kirchenmitarbeiter, der zum Zeitpunkt des Einsturzes im Gebäude war, blieb unverletzt.

Nach dem Vorfall überprüft das Bistum Fulda auch seine weiteren Gebäude auf mögliche Mängel. Im Bestand des Bistums gebe es keine weiteren Gebäude, die wie die Elisabethkirche gebaut sind, erklärte Diözesanbaumeister Martin Matl. Aber ein Screening der Kirchen des Bistums habe Überprüfungsbedarf bei 48 Bauten ermittelt, der inzwischen auf 31 reduziert wurde. 

Da entsprechende Probleme nicht nur im Bistum Fulda ein Thema sein könnten, tausche man sich über die Erkenntnisse aus dem Gutachten mit kirchlichen Bausachverständigen aus und gebe sie weiter an andere Bistümer und Landeskirchen. «Und natürlich ist das letztendlich ja auch nicht auf die Kirchen beschränkt», sagte Matl.