Wasserversorgung

Trinkwasser für Rhein-Main: Was ein Stausee leisten soll

Ein Projekt im Kinzigtal soll die Trinkwasserversorgung in Frankfurt, Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis verbessern und Grundwasser im Vogelsberg schonen. Welche Herausforderungen sehen Experten?

Hauptaufgabe der Kinzig-Talsperre ist der Hochwasserschutz - doch in ein paar Jahren soll eine weitere Aufgabe dazu kommen. Foto: Michael Bauer/DPA
Hauptaufgabe der Kinzig-Talsperre ist der Hochwasserschutz - doch in ein paar Jahren soll eine weitere Aufgabe dazu kommen.

Bad Soden-Salmünster/Wiesbaden (dpa/lhe) - Vor allem in trockenen Sommern wie in diesem Jahr machen sich viele Menschen Gedanken über die Versorgung mit Trinkwasser. Der Wasserverband Kinzig treibt derzeit Pläne voran, die Kinzigtalsperre künftig auch zur Trinkwassergewinnung zu nutzen. Bis zu 9 Millionen Kubikmeter Oberflächenwasser im Jahr sollen künftig mit modernsten technischen Mitteln aufbereitet und an Verbraucher in Frankfurt, Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis geliefert werden.  Zur Orientierung: Allein Frankfurt verbraucht nach Angaben des Wasserverbands rund 50 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. 

Bislang erfüllt die Talsperre bei Bad Soden-Salmünster zwei Aufgaben: Sie schützt vor Hochwasser und sorgt dafür, dass die Kinzig selbst in extremen Dürreperioden nicht austrocknet. Künftig soll sie zusätzlich einen Beitrag zur Trinkwasserversorgung leisten.

Derzeit arbeitet der Verband an der Trassenplanung für die neue Leitung. Sie soll das Wasser einmal von der Talsperre zum Wasserwerk Wächtersbach-Neudorf transportieren, wo heute bereits Wasser aus dem Vogelsberg für die Trinkwasserversorgung genutzt wird.

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Entlastung für die Brunnen im Vogelsberg angestrebt

Nach den Plänen soll künftig je nach Jahreszeit zwischen Oberflächen- und Grundwasser gewechselt werden. Im niederschlagsreichen hydrologischen Winterhalbjahr von November bis April, wenn der Wasserbedarf geringer ist, soll vor allem Wasser aus der Talsperre genutzt werden. Dadurch könnten nach Überzeugung des Verbandes die Brunnen im Vogelsberg entlastet werden. 

Steigen im Sommer die Temperaturen und erwärmt sich das Wasser im Stausee, soll kühles Grundwasser aus dem Vogelsberg beigemischt werden, wie Geschäftsführer Holger Scheffler erklärt. Ob dieses Konzept wie geplant funktioniert, werde letztlich der Probebetrieb des künftigen Wasserwerks zeigen, der in fünf Jahren aufgenommen werden soll.

«Ein Signal an den Vogelsberg»

Für den Wasserverband ist das Projekt zugleich ein Zeichen für einen nachhaltigeren Umgang mit den Grundwasservorkommen. «Die Pläne sind ein Signal auch an den Vogelsberg», betont Scheffler. Mit dem geplanten Wasserwerk übernehme Frankfurt eine große Verantwortung. 

Die Mainmetropole ist mit knapp 80 Prozent größter Anteilseigner des Verbandes im Bereich Wasserbeschaffung. Weitere Beteiligte sind die Stadt Hanau und der Main-Kinzig-Kreis mit insgesamt rund 420.000 Einwohnern.

Ob die angestrebte Fördermenge von bis zu neun Millionen Kubikmetern jährlich tatsächlich erreicht werden kann, hängt nach Schefflers Worten unter anderem von den Niederschlägen und den Erfahrungen im späteren Betrieb ab. An der grundsätzlichen Notwendigkeit des Projekts lässt er keinen Zweifel: «Wir brauchen für unser Gebiet Trinkwasser für die Menschen, damit sie hier wohnen können, damit sie bauen können und damit sich Industrie ansiedeln kann.» So wichtig alle Sparmaßnahmen auch seien - «am Ende braucht man Wasser».

IG Wasser im Vogelsberg: Richtiger Schritt

Die Pläne stoßen bei der Interessengemeinschaft zum Schutz des Wasserhaushalts Vogelsberg (IG Wasser) grundsätzlich auf Zustimmung. Deren Vorsitzender Jürgen Eichhorn bewertet die Nutzung von Oberflächenwasser aus der Kinzigtalsperre als wichtigen Schritt, warnt jedoch vor überhöhten Erwartungen.

«Es ist der absolut richtige Weg, das Oberflächenwasser an der Kinzig zurückhalten und für die Trinkwasserversorgung zu gewinnen», sagt Eichhorn. «Die entscheidende Frage wird sein, wie viel weniger Grundwasser letztlich bei uns im Vogelsberg entnommen werden wird.»

Skeptisch sieht Eichhorn vor allem die Pläne für die Sommermonate. Gerade in der Zeit, in der am meisten Wasser verbraucht werde, solle dem wärmeren Wasser aus der Kinzigtalsperre kühles Grundwasser aus dem Vogelsberg beigemischt werden. Nach Ansicht Eichhorns muss in der Rhein-Main-Region deutlich mehr Wasser eingespart werden.

Behörde weist auf Grenzen der Wassernutzung hin

Auch das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie sieht in der Nutzung von Talsperrenwasser grundsätzlich eine Möglichkeit, die Grundwasserentnahme zu reduzieren. Allerdings weist die Behörde auf die Grenzen des Vorhabens hin.

Oberflächenwasser aus einem Stausee sei im Vergleich zu Grundwasser anfälliger für Qualitätsschwankungen und enthalte unter anderem mehr Schwebstoffe, organische Stoffe und Mikroorganismen. Deshalb sei für die Trinkwassergewinnung ein höherer Aufwand bei der Aufbereitung erforderlich. Hinzu komme, dass sich in den warmen Sommermonaten das Wasser im Stausee deutlich erwärme und deshalb weiterhin Grundwasser benötigt werde.

Zwar könne eine geringere Entnahme im Winter zu einer gewissen Erholung der Grundwasserstände führen. Die eingesparte Wassermenge lasse sich nach Einschätzung wegen der komplexen unterirdischen Strömungsverhältnisse jedoch nicht einfach auf den Sommer übertragen. Das im Winter weniger geförderte Wasser stehe deshalb nicht automatisch zu einem späteren Zeitpunkt wieder vollständig zur Verfügung.

Auswirkungen auf die Kinzig

Darüber hinaus warnt das Landes-Umweltamt vor möglichen Auswirkungen auf die Kinzig: Wird in Trocken- und Niedrigwasserperioden zusätzlich Wasser aus der Talsperre entnommen, könne dadurch die Wasserführung des nachfolgenden Flussabschnitts weiter sinken. Das könne unter anderem höhere Wassertemperaturen, geringere Strömungsgeschwindigkeiten und einen Verlust von Lebensräumen zur Folge haben. Auch die Bedingungen für Fische und andere Gewässerorganismen könnten sich dadurch verschlechtern.