Anschlag auf Synagoge in Heidelberg

200 Menschen bei Mahnwache vor Heidelberger Synagoge

Nach den mutmaßlichen Anschlagsplänen eines 18-jährigen Weinheimers folgten am Freitagabend knapp 200 Menschen dem Solidaritäts-Aufruf der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Heidelberg.


Bettina Wolf
von Bettina Wolf

24.05.2024


Rabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin (links) und Dr. Vadim Galperin, Vorsitzender Jüdische Kultusgemeinde Heidelberg. Foto: WN/OZ-Redaktion
Rabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin (links) und Dr. Vadim Galperin, Vorsitzender Jüdische Kultusgemeinde Heidelberg.

Für 19 Uhr hatten Rabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin und seine Gemeinde vor die Synagoge geladen. Knapp 200 Menschen waren gekommen. Darunter viele Studierende, Familien mit kleinen Kindern, Gemeindemitglieder, Vertreter der Stadtverwaltung und Mitglieder der demokratischen Parteien.

Die Synagoge steht in der Heidelberger Weststadt. Die Weststadt ist ein Stadtteil mit vielen kleinen Lieblingssachen-Geschäften, hippen Cafés und Bio-Supermärkten. Neben der Synagoge ist ein Spielplatz, die Rosen duften, die Vögel zwitschern und die alten Bäume der umliegenden Gärten wachsen hoch in den sonnigen Abendhimmel. Es könnte alles sehr friedlich sein. Doch sobald die Menschen hier vor der Synagoge zu sprechen beginnen, wird das spürbar, um das es heute geht: um Angst. Bisher, so der Rabbiner, sei Heidelberg ein sicherer Ort gewesen. Und die beiden verdächtigen Männer befänden sich ja glücklicherweise in Untersuchungshaft. Aber noch sei nicht klar, ob weitere Menschen in die Angriffspläne verwickelt gewesen seien. „Wie geht es jetzt weiter?“, wollen Pressevertreter von ihm wissen. Und: „Was sind Ihre Sorgen?“ „Ich muss in erster Linie meine Gemeinde beruhigen“, erklärt der Rabbi gefasst. Und auch deshalb sei er so dankbar für die vielen Menschen, die für ein Zeichen gegen Hass und Antisemitismus zusammengekommen seien.

„Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

„Die Einladung erfolgte im Laufe des Tages, sehr spontan“, erzählt ein Ehepaar, das sich seit Jahren in der Synagoge engagiert. Man habe die WhatsApp bekommen und sich sofort auf den Weg gemacht. Auch für Timm Nusser (FDP) sei es „selbstverständlich gewesen“, heute hierherzukommen. „Ich wünschte nur“, so der junge Heidelberger Lokalpolitiker, „dass wir nicht so oft für diese Anlässe zusammenkommen müssten.“

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Impressum

Jaswinder Pal Rath, Vorsitzender Migrationsbeirat Heidelberg.
Jaswinder Pal Rath, Vorsitzender Migrationsbeirat Heidelberg.

Jaswinder Pal Rath, Vorsitzender des Migrationsbeirats der Stadt Heidelberg, steht die Sorge ins Gesicht geschrieben. „Was mir große Angst macht“, erklärt er im Gespräch mit dieser Redaktion, „ist, dass wir inzwischen jeden Tag mit solchen Vorfällen zu tun haben. Es wird Normalität. Wir können auch nicht mehr sagen, das sind Links- oder Rechtsextremisten. Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Jeder kann es sein. Mein Nachbar, mein Freund … und das macht mir Angst.“

„Heidelberg muss aus Dornröschenschlaf aufwachen“

„Es wird Zeit, dass die Stadt Heidelberg aus ihrem Dornröschenschlaf aufwacht“! Victor G. Márki ist Sprecher des Jungen Forums Heidelberg und einer der heutigen Organisatoren. „Ich erzähle euch jetzt mal von meiner Woche“, ruft er ins Mikrofon. „Eine Woche Deutschland: eine Woche Antisemitismus. Montag, Dienstag, Mittwoch … Hass, Gewalt, Antisemitismus, das ist inzwischen Alltag. Wir leben mit und in einer dauerhaften Pogromstimmung.“ Die Zuhörer stimmen lauthals zu. „Ich bin wütend“, ruft Marki. „Ich bin wütend, ich bin traurig, aber nicht überrascht.“

Vorbereitungen zur Tötung über Chat

Wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat wollten Beamte der Polizei einen Verdächtigen am 3. Mai in seiner Wohnung in Bad Friedrichshall befragen. Unvermittelt raffte der 24-Jährige einige Küchenmesser an sich und sprang aus dem Fenster. Im Freien begann er damit, die Küchenmesser auf die Beamten zu werfen, diese machten Gebrauch von ihrer Schusswaffe. Dieser Vorfall, oder genauer gesagt: dieser Mordversuch, war der Ausgangspunkt für alles, was heute in Heidelberg stattfindet: die Angst, die Solidarität, die Wut. Denn der Chatverlauf des 24-Jährigen zeigte: Gemeinsam mit einem 18-Jährigen aus Weinheim plante er, möglichst viele Menschen in der Heidelberger Synagoge beim Gebet mit Messerstichen zu töten. Anschließend würde man sich von der Polizei erschießen lassen. Wir haben hier berichtet.

„Kein Wunder, dass sich junge Menschen radikalisieren“

„Es ist kein Wunder, dass sich junge Menschen radikalisieren“, führt Victor Márki aus. „Wenn zugelassen wird, dass auf Demonstration – wie zurzeit regelmäßig in Mannheim – offen zu Gewalt gegen Juden und gegen Israel aufgerufen wird.“ Und dies von der Politik geduldet werde.

„Es ist schon merkwürdig“, Stadtrat Waseem Butt (Hib) schlendert heran. Er sieht nachdenklich aus. Die Menschenkette bewegt sich inzwischen von zwei Seiten um die Synagoge. Für eine Kette waren es einfach zu viele Teilnehmer. Das mit den zwei Ketten klappt nicht sofort reibungslos, endlich wird auch mal gelacht und es finden sich schnell erneut Grüppchen von Menschen zum Gespräch zusammen. So auch mit Waseem Butt, der nach schwerer Krankheit erneut als Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl kandidiert.

„Merkwürdig ist“, fährt er fort, „dass heute so viele Menschen hier sind. Und ich bin der einzige Muslim. Ich habe Freunde gefragt, ob sie mitkommen. Aber sie haben sich nicht getraut. Weil sie keine Juden kennen. Es gibt einfach viel zu wenige Möglichkeiten der Begegnung für Muslime und Juden … als ich krank war, ist der Rabbi jeden Tag vorbeigekommen. Und jeden Samstag hat die Gemeinde für mich gebetet. Das hier ist auch irgendwie meine Gemeinde, obwohl ich gläubiger Muslim bin. Heute ist ja Freitag“, erzählt er weiter, wie im Plauderton. „Und ich war zum Beten in der Moschee. Ich musste dort keine Angst haben. Aber hierher, in eine Synagoge, kann ohne Angst niemand zum Beten kommen.“