Protestaktion: „Erst stirbt der Bauer, dann das Land“
Landwirte aus dem Kreis Bergstraße gehen gegen die Politik der Bundesregierung auf die Straße – mit ihren Traktoren.
„Gesetze und Regeln ohne Verstand. Erst stirbt der Bauer, dann das Land.“ „No farmers, no food, no future – Agrardiesel und grüne Nummern müssen bleiben!“ Auf Plakate gebrachter Protest, den am vergangenen Samstag über 120 Landwirte aus dem Kreis Bergstraße in einem langen Traktor-Demonstrationszug durch den Kreis gefahren haben.
In Kolmbach und in Heppenheim versammelten sich am Samstagmorgen Bauern aus dem Kreisgebiet, um gegen die geplanten gesetzlichen Änderungen der Bundesregierung zu protestieren. Der Aufruf hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Der Kolmbacher Tobias Poth und der Heppenheimer Gerd Mang initiierten den genehmigten Protest. Gegen 11 Uhr kamen immer mehr Teilnehmer mit Traktoren zum Treffpunkt in der Lise-Meitner-Straße im neuen Heppenheimer Industriegebiet. Zur gleichen Zeit sammelten sich die Odenwälder Kollegen im Lindenfelser Stadtteil Kolmbach. Viele fuhren einfach nur mit dem Traktor mit und hupten, einige führten Protestplakate mit sich. „Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser“, war dort etwa zu lesen.
Wegfall der Agrardieselvergütung
„Wir demonstrieren in erster Linie gegen die Abschaffung der Kfz-Steuervergünstigung für land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge und den geplanten Wegfall der Agrardieselrückvergütung“, hieß es in dem Protestaufruf der Initiatoren. Man wolle mit der Aktion die entstandenen Probleme für die Landwirte „weiter im Gedächtnis unserer Mitbürger verankern“. Durch die beabsichtigte Streichung der Vergünstigungen sei ein Stein ins Rollen gebracht worden. Erst wenn das vom Tisch sei, könne man sich um weitere Belange kümmern, erklärten die Initiatoren.
„Das ist die erste Demo meines Lebens“, sagte ein Nebenerwerbslandwirt aus Mittershausen im Rentneralter. Er wolle seine Kollegen unterstützen. So gehe es nicht mehr weiter. Ein Heppenheimer Nebenerwerbslandwirt unterstrich, dass die gesetzlichen Änderungen eben nicht nur die Bauern beträfen, sondern die gesamte Bevölkerung: „Der Bürger muss das alles bezahlen und kann das auf lange Sicht nicht mehr.“ „Ich hoffe, dass sich heute alle am Riemen reißen und dass es keine Zwischenfälle gibt. Wir wollen schließlich keinem etwas Böses, sondern nur das Volk wachrütteln“, sagte ein weiterer Teilnehmer. „Wir müssen präsent sein, unsere Sorgen bekannt machen, denn es betrifft jeden“, so ein anderer.
Auch Helmut Rader war dabei. Einen Traktor hat er nicht, er fuhr mit dem Privat-Pkw mit. Warum er das tut? Ihm gehört die Firma Monoflo in Heppenheim, ein Hersteller für Tiertränken. „Wir sind direkt von den Landwirten abhängig“, erklärte er, deshalb wolle man sich solidarisch zeigen.
Um 11 Uhr startete der aus rund 60 Fahrzeugen bestehende Konvoi aus Kolmbach in Richtung Bensheim, eine halbe Stunde später starteten die ebenfalls rund 60 Traktoren in Heppenheim. Die Teilnehmerzahl übertraf die Erwartungen der Initiatoren um das Dreifache. Ein langer Zug über die Bundesstraßen begann. Nur wenige Autofahrer schimpften über Verkehrsbehinderungen, die meisten äußerten Verständnis für die Demo: „Richtig so, es geht immer gegen die Kleinen“, sagte Karl Mehrgend, der in Heppenheim Zeuge des beeindruckenden Zuges wurde.
„Aus dem Ruder gelaufen“
„Ich habe bewusst diese Regierung mit gewählt, weil ich möchte, dass sich etwas ändert, dass wir uns um Klima und Natur kümmern, dass nicht mehr der Profit an erster Stelle steht“, so eine weitere Passantin, „aber irgendwie ist das alles aus dem Ruder gelaufen. Ich bin megaenttäuscht und kann den Protest nur gutheißen.“
Gejohle von einer Gruppe junger Männer am Obi-Kreisel in Bensheim beim Anblick des Protestschildes „Ohne Bauern kein Bier!“. „Das holt uns ab“, meinte einer. „Die Vollkatastrophe wäre das“, meinte ein anderer lachend. Und dann räumten sie ein, dass sie sich noch gar nicht mit dem Thema befasst haben, sich jetzt aber Gedanken machen und die Bauern verstehen können.
Staunen und Begeisterung gab es bei kleinen Kindern, die den Traktorfahrern zuwinkten. Ein älterer Herr dagegen wettert gegen die Demonstranten: „Das ist Jammern auf hohem Niveau. Die Bauern haben sich während Corona dumm und dämlich verdient, die paar Cent, die ihnen jetzt verloren gehen, können die locker verschmerzen.“
In Bensheim an der Kreuzung B3/Schwanheimer Straße trafen die beiden Konvois aufeinander, wurden zu einem und über Lorsch fuhren alle schließlich gemeinsam wieder nach Heppenheim. Über dreieinhalb Stunden waren die meisten unterwegs. Es war ein friedlicher Protest ohne Zwischenfälle.
„Trittbrettfahrer“
Für die kommende Woche ist erneut zu einem Protestzug aufgerufen. Doch hier sind auch AfD und Reichsbürger mit auf den Zug gesprungen. Das zeigt ein in den sozialen Medien geteilter Post mit Reichsbürgerflagge, den auch ein Heppenheimer weiterverbreitet hat. Was sagen die Landwirte dazu? Die Meinung der Teilnehmer war einheitlich, die Worte klar: „Das sind Trittbrettfahrer, die wir nicht unter uns haben wollen“, und: „Das ist verlogen, die AfD ist komplett gegen Subventionen und jetzt, wo wir uns wehren, wollen sie auf einmal mitmischen, um Stimmvieh zu sammeln. Das Schlimme ist, dass wir nichts dagegen tun können, außer uns deutlich zu distanzieren.“