Historie der Überwaldbahn

Als der Überwald Anschluss an die Welt erhielt

Heute ist es kaum mehr vorstellbar, doch der Anschluss des Überwaldes an das Bahnnetz stellte vor mehr als 100 Jahren eine kleine Sensation dar.

Die Ansichtspostkarte stammt aus dem Jahr 1902. Zu sehen ist unter anderem der Behelfsbahnhof Unter-Wald-Michelbach. Foto: privat
Die Ansichtspostkarte stammt aus dem Jahr 1902. Zu sehen ist unter anderem der Behelfsbahnhof Unter-Wald-Michelbach.

Es ist heute nicht mehr vorstellbar, welche großen Vorteile der Eisenbahnanschluss am 28. Februar 1901 für die Bevölkerung im etwas abgelegenen Überwald brachte. Ab diesem Tage hatten die Überwaldbürger die Möglichkeit, kostengünstig mit dem neusten Verkehrsmittel in die weite, weite Welt zu reisen. Heimatforscher Hans Günther Morr hat die Historie zusammengefasst.

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Auch das Arbeitsplatzangebot in den Rheintal-Städten konnte, dank der bequemen relativ kurzen Bahnan- bzw. Bahnheimreise, genutzt werden. Dass die Eisenbahn bis in den Überwald überhaupt gebaut wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass namhafte Hüttenwerke in diesem Teil des Odenwaldes Eisenerz gefunden und in großem Stil mit dem Abbau begonnen hatten.

Beschwerlicher und teurer Bau

Obwohl der Trassenbau mit zwei Tunnels und einigen Viadukten relativ beschwerlich und damit recht teuer war, konnten die Geldgeber für das Bahnprojekt sicher sein, dass sich mit dem Erztransport die Rückfinanzierung lohnen würde. Der größte Anteil der Menschen, die an der neuen Strecke wohnten, waren in Ober-Wald-Michelbach angesiedelt. Folgerichtig plante man den Hauptbahnhof und Streckenmittelpunkt nach Ober-Wald-Michelbach zu legen. Hier wurde der Bahnhof mit Lokomotiv-Halle, mit Beamtenwohnungen und verschiedenen Lagerhallen gebaut. Der Bahnhaltepunkt Unter-Wald-Michelbach wurde als unbedeutend angesehen und nur mit einem Notbahnhof ausgestattet.

Mit zwei Tunnels und einigen Viadukten - wie hier in Kreidach - war der Bau der Überwaldbahn sehr beschwerlich. Foto: Thomas Rittelmann
Mit zwei Tunnels und einigen Viadukten - wie hier in Kreidach - war der Bau der Überwaldbahn sehr beschwerlich.

Eigentlich war es nur ein ausrangierter Güterwagen, in dem die Bahnbeamten ihren Dienst taten. Es stellte sich bald heraus, dass der größte Warenumschlagplatz im Überwald, bedingt durch den Erztransport und die im Ulfenbachtal angesiedelten Fabriken, in Unter-Wald-Michelbach war. Somit konnte das Bahnhofsprovisorium die anstehenden Aufgaben aus Platzmangel bald nicht mehr bewerkstelligen. Die Bahndirektion hatte sofort den Notstand erkannt und ließ auch hier ein modernes Bahnverwaltungsgebäude mit Lagerhallen und Industrienebengleisen bauen.

Im Jahre 1907 war es so weit, das neue Bahnempfangsgebäude konnte zur öffentlichen Benutzung freigegeben werden. Das Güterwagenprovisorium hatte ausgedient und wurde abgebaut.

Wertvolle Postkarte

Auf der abgebildeten kolorierten Ansichtspostkarte, die im Jahre 1902 postalisch gelaufen ist, ist der Behelfsbahnhof Unter-Wald-Michelbach recht anschaulich abgebildet. Interessant ist auch auf der Ansichtskarte die angrenzende Gastwirtschaft, Metzgerei mit Gartenwirtschaft von Johann Lammer, die sich ab dieser Zeit „Gasthaus zum Bahnhof“ nannte. Es ist zu vermuten, dass die Entstehung der Ansichtskarte auf Initiative von Johann Lammer entstanden ist. Künstlersich wertvoll ist die Postkartenansicht, weil sie in Lithografie-Technik hergestellt wurde. Diese Art des Drucks war zu seiner Zeit recht aufwendig und entsprechend teuer.

Es ist allerdings zu bezweifeln, dass so elegant gekleidete Menschen, wie hier dargestellt, vor dem Bahnhof Wald-Michelbach flanierten.