Bildung

Wegen HELP: Die Personalräte an Weschnitztaler Schulen sind sauer

Weil der Kreis das Budget nicht anpassen will, fällt das pädagogische Angebot von Purzel aus Fürth weg. Was das bedeutet.

Mit dem Angebot HELP droht ein wichtiges pädogisches Angebot im Kreis Bergstraße wegzubrechen. Foto: Simon Hofmann
Mit dem Angebot HELP droht ein wichtiges pädogisches Angebot im Kreis Bergstraße wegzubrechen.

Der mögliche Wegfall des kreisweiten Angebots HELP, unter der Trägerschaft des pädagogischen Verbundsystems Purzel gGmbH mit Sitz in Fürth, war Thema einer Krisensitzung der Personalräte einiger örtlicher Schulen aus dem Kreis Bergstraße. Aus ihrer Sicht handelt es sich um eine Sparmaßnahme „an einer völlig falschen Stelle“.

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„Eine über Jahrzehnte gewachsene und unerlässliche Ressource ist in Gefahr, deren Wegfall unabsehbare Folgen für viele Schüler und Familien hätte“, heißt es in einer Pressemitteilung der Personalräte. HELP leiste soziale Arbeit an Schulen und gehöre weder dem Schulsystem noch dem Jugendamt an. Damit habe es eine wichtige und einzigartige Scharnierfunktion und leiste „einen neutralen Brückenschlag in die Familien“.

Zu den Angeboten von HELP gehören Einzelgespräche, außerschulische Angebote, Besuche bei Familien und kurzfristige, individuelle Begleitung. Und dies sei nur ein kleiner Teil der vielfältigen pädagogischen Arbeit, halten die Personalräte fest. HELP hat seine Wurzeln in einem Pilotprojekt, das 2004 an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Rimbach, der Langenbergschule Birkenau, der Schlosshofschule Mörlenbach und der Müller-Guttenbrunn-Schule Fürth installiert wurde. Ziel war die schulbezogene Krisenintervention gegen Schulverdrossenheit, Schulverweigerung und Schulausschluss.

„Lohndumping gefördert“

„Das Konzept wurde nicht im stillen Stübchen erdacht, sondern hat sich in der Praxis entwickelt und ist immer weiter gewachsen, weil der Bedarf da war“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Schulen kamen von sich aus auf die Initiatoren und das Jugendamt zu. So wurde der Kreis der Schulen, die sich anschlossen, immer größer. „Nachdem man 2004 mit vier Schulen begonnen hatte, sind es inzwischen 20 Schulen, deren Schüler, Familien und Kollegen von der Zusammenarbeit mit HELP unter der Trägerschaft von Purzel profitieren.“

Vor den Weihnachtsferien wurden die betroffenen Schulen vom Träger Purzel darüber informiert, dass man sich gezwungen sieht, die Zusammenarbeit zu kündigen. Grund für diese Kündigung sei die Weigerung des Kreises, das Budget um gestiegene Personal- und Sachkosten aufzustocken. Stattdessen soll nun eine Ausschreibung für einen neuen Träger erfolgen. „Die Träger müssen in der Lage sein, ihre Beschäftigten angemessen, also am Tarif orientiert, zu bezahlen, damit qualifizierte Mitarbeitende diese wertvolle Arbeit leisten können. Dieser ist klar im TVöD geregelt und wurde schließlich nicht von Purzel willkürlich festgelegt“, stellen die Personalräte fest.

„Eigentlich sollte ein Schulträger ein Vorbild sein und Einrichtungen unterstützen, die ihre Mitarbeiter fair nach Tarif bezahlen und nicht diesen den Stuhl vor die Tür stellen, Lohndumping fördern und zudem in den Schulen noch einen Scherbenhaufen hinterlassen“, meinte Holger Giebel vom Gesamtpersonalrat des Schulamtsbezirks Bergstraße/Odenwald. Es sei kontraproduktiv, in einer solchen Sache eine Ausschreibung durchzuführen, die dazu noch sehr kostenintensiv ist.

Man könne gewachsene Strukturen und entstandenes Vertrauen nicht durch eine Ausschreibung zur Disposition stellen. Es gehe rein um finanzielle Aspekte, fachlich gebe es keinen Dissens zwischen dem Kreis und Purzel. „Wie soll ein Träger günstiger sein, wenn er nicht Stellschrauben bedient, die die lang gewachsenen Beziehungsstrukturen in Frage stellen, inklusive aller Synergieeffekte, die sich aus dem regionalen Bezug ergeben?“, wird von den Personalräten hinterfragt. „Die individuelle Jugendhilfe ist sehr teuer. Wir befürchten einen großen Anstieg solcher Maßnahmen, wenn präventiv wirkende Strukturen wie HELP wegfallen“, heißt es weiter. „Es geht um nichts weniger als Kinder, deren Anschlussfähigkeit im Schulsystem gefährdet ist.“

Die örtlichen Personalräte finden es „skandalös“, dass der Kreis Kinder und Familien im Stich lasse. Man habe dabei durchaus im Blick, dass von Seiten des Kreises viel Geld in diesem Bereich investiert wird. Wenn die örtlich zuständige Jugendhilfe feststellt, dass die Kosten in diesem Bereich steigen, sollte jedoch vermieden werden, dass präventive Strukturen, die sich bereits etabliert und bewährt haben, wegfallen.

"Im Stich gelassen"

Aus pädagogischer Sicht fühlen sich die Kollegen „kläglich im Stich gelassen“ und können dieses Vorgehen nicht nachvollziehen. „Das hohe Gut des gewachsenen Vertrauens zwischen Schulen, Familien, Kindern und Sozialpädagogen wird mit Füßen getreten, denn es wird nicht in Entscheidungsprozesse miteinbezogen.“ Die örtlichen Personalräte der betroffenen Schulen appellieren im Namen der gesamten Lehrerschaft, dass die Zusammenarbeit mit HELP unter der Trägerschaft des pädagogischen Verbundsystems Purzel gGmbH bestehen bleiben muss „zum Wohle aller beteiligten Schulen und Familien“.

Es gehe um Beziehungsebenen, Tradition und Vertrauen, welche nicht durch eine Ausschreibung mit dem Schwerpunkt auf der finanziellen Perspektive ausgetauscht werden können. Ein Wechsel in der Zusammenarbeit mit Vertrauenspersonen wäre für die Familien ein gravierender Einschnitt „mit unabsehbaren Folgen, die der Kreis zu verantworten hätte“. Inzwischen betrifft es nicht nur die Trägerschaft von Purzel, sondern auch die Stiftung Nieder-Ramstätter Diakonie (ehemals Orbishöhe), die HELP an der Bergstraße realisiert und sich ebenfalls gezwungen sah, das Engagement zu beenden.

Der Schuldezernent des Kreises Bergstraße, Matthias Schimpf, hat der Darstellung der Personalräte inzwischen widersprochen.