Weinheim

Bis zum Nordkap: Weinheimer Ex-Kantor ist durch Europa geradelt

Der frühere Weinheimer Bezirkskantor Simon Langenbach ist mit dem Fahrrad in fünf Monaten durch 21 europäische Länder gereist.

Simon Langenbach und sein Fahrrad am Nordkap im Norden von Norwegen. Foto: privat
Simon Langenbach und sein Fahrrad am Nordkap im Norden von Norwegen.

Am Ende schien Simon Langenbach doch ein klein wenig enttäuscht, als er nach fast genau fünf Monaten wieder in Weinheim ankam. Denn bei seiner Radtour durch einundzwanzig europäische Länder fehlten am Ende nur etwa fünfzig Kilometer, um die Marke von 14.000 Kilometern zu knacken.

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Über Grenoble nach Rom

Der frühere Bezirkskantor der evangelischen Peterskirche hatte sich am 26. März in Weinheim mit seinem Fahrrad auf den Weg gemacht, um eine große Runde durch Europa zu fahren. Sein Weg führte ihn zuerst in südlicher Richtung durch Frankreich entlang des Juras nach Grenoble, dann an der Mittelmeerküste bis in die Toskana und weiter über Rom an die Adria. Nach einer Fährüberfahrt von Brindisi durchquerte er Albanien und erreichte beim griechischen Korinth den südlichsten Punkt seiner Reise, um sich dann in Athen gen Norden zu wenden.

Abfahrt am 26. März im Weinheimer Gerberbachviertel. Foto: privat
Abfahrt am 26. März im Weinheimer Gerberbachviertel.

Über Nordmazedonien ging es weiter durch Serbien in die ungarische Puszta. In kaum mehr als einem Tag durchquerte er die Slowakei und fuhr über die Tatra nach Polen, welches er im Nordosten wieder verließ. Nach den drei baltischen Staaten nahm er in Tallinn die Fähre nach Helsinki, von wo aus er Finnland komplett durchquerte. Der nördlichste Punkt der Reise war kein geringerer als das Nordkap, das er am 7. Juli erreichte, als dort die Sonne rund um die Uhr schien.

18 Tage um Schweden zu durchfahren

Nach weiteren 200 Kilometern durch Finnland benötigte er achtzehn Tage, um Schweden zu durchfahren. Von Göteborg brachte ihn eine Fähre ins dänische Jütland, wo er eine zweiwöchige Pause einlegte, um mit seiner Familie Urlaub zu machen. Dort entschied er, die Tour nicht in Kassel, seinem neuen Wohnort, sondern in Weinheim zu beenden, „um die Runde vollzumachen“, wie er uns sagte. Die letzten zehn Tage führten ihn durch Norddeutschland, die Niederlande, Belgien und Luxemburg bis nach Weinheim.

Im Gespräch mit WNOZ erzählte er, dass sein Jobwechsel die Chance ergab, eine große Radtour zu machen. Er war bereits im Jahr 2017 mit dem Fahrrad von Weinheim zum Nordkap gefahren, daher wusste er weitgehend, worauf er sich einließ. Bei der Routenplanung hatte er zu einem großen Teil europäische Fernradwege ausgewählt. Auf der Tour stellte sich heraus, dass diese von sehr unterschiedlicher Qualität waren. Die Bandbreite reichte von stark befahrenen Straßen in Italien über hervorragende Radwege in Polen oder den Niederlanden bis zu weichen Sandwegen im Baltikum. Die schlechte Qualität der Wege war für ihn teilweise sehr anstrengend. Es sei klar zu sehen gewesen, dass in den Ländern viele Radfahrer unterwegs sind, wo eine gute Infrastruktur vorhanden ist.

Tunnel unter dem Meer

Mit Schrecken erzählt er von einem Straßentunnel kurz vor dem Nordkap, der fast sieben Kilometer unter dem Meer hindurchführt. Mit bis zu 10 Prozent Gefälle geht es zuerst bis auf 212 Meter unter den Meeresspiegel und dann ebenso wieder hinauf. Der Verkehrslärm sei ohrenbetäubend gewesen, dazu kam der Gestank der Abgase. Leider gab es für ihn keine andere Möglichkeit, auf die norwegische Insel Magerøya zu kommen, auf der das Nordkap liegt, da keine Fähre fuhr. Manche Radfahrer erlebten in diesem Tunnel eine „Nahtoderfahrung“, berichtet er.

Nur in den Westalpen und in Südeuropa hatte er Pässe mit bis zu 1500 Metern Höhe überquert. Aber auch auf der restlichen Strecke – besonders in Skandinavien – sei es ein ständiges Auf und Ab gewesen, das sich auf der Gesamtstrecke auf über 100.000 Höhenmeter summierte.

Simon Langenbachs Route durch Europa. Foto: privat
Simon Langenbachs Route durch Europa.

Geschlafen hat er meistens in seinem mitgeführten Zelt, nur gelegentlich mietete er sich ein Zimmer. Die Verpflegung sei eher einfach gewesen, er habe oft selbst gekocht und nur ab und zu mal Schnellrestaurants besucht, vor allem, um die elektrischen Geräte wie Navi und Telefon wieder aufzuladen. Über das Handy blieb er mit Familie und Freunden in Kontakt und berichtete über seine Erlebnisse. Das abendliche Lesen im E-Book-Reader sei eine gute Abwechslung gewesen.

Fieber und eine Reifenpanne

Natürlich habe er vorher Sorgen gehabt, ob alles funktionieren würde. Er berichtet, dass es einen Tiefpunkt schon nach wenigen Tagen gab, als das Hinterrad nach einer Reifenpanne nicht mehr dicht werden wollte. Also musste per Bus im nächsten Ort ein neuer Reifen beschafft werden. Dazu kamen Dauerregen und gesundheitliche Probleme mit Fieber, daher war er gezwungen, einige Tage zu pausieren. Planmäßig wechselte er während der Reise mehrfach Bremsbeläge, Kette und Ritzel, die er jeweils bei lokalen Händlern kaufte; andere Ersatzteile ließ er sich zu einem Quartier liefern. Beeindruckt war er von der Hilfsbereitschaft, die er erfahren habe. Stets hätten Leute angehalten und Hilfe angeboten, wenn er am Fahrrad geschraubt habe.

Nicht alle Radwege waren gemütlich: Simon Langenbach auf einemn Schotterweg. Foto: privat
Nicht alle Radwege waren gemütlich: Simon Langenbach auf einemn Schotterweg.

Besonders angetan war er von der Gastfreundschaft in vielen Ländern. Mehrfach wurde er zum Essen eingeladen, manche boten ihm sogar ein Zimmer an, und in Osteuropa gab es immer einen Sliwowitz. Er habe sich dabei nie unsicher gefühlt und auch sonst keine negativen Erfahrungen gemacht.

In einigen Städten blieb er mehrere Nächte und nutzte das auch für etwas Sightseeing, beispielsweise in Rom, Athen, Belgrad, Warschau und Tallinn. Begeistert zeigte er sich über die großartigen Landschaften in Europa; er könne wirklich jedes Land, das er durchfahren hat, für einen Besuch empfehlen. Langweilig sei es dadurch nie geworden.

Die Idee, erst zum Frühling in den Süden und mit diesem dann in den Norden zu reisen, ist weitgehend aufgegangen, wie er erzählte. Nur an wenigen Tagen musste er sein Zelt bei Regen oder Gewitter auf- oder abbauen; nur der Gegenwind war zu seinem dauerhaften Feind geworden. Er zeigte sich sehr erleichtert, dass die gesamte Tour unfallfrei verlaufen ist.

Posaunenchor empfängt ihn an der Peterskirche

Begeistert zeigte sich Simon Langenbach über den Empfang, mit dem ihn sein früherer Posaunenchor der Peterskirche in Weinheim überrascht hatte. Bereits ab Worms wurde er von einer Eskorte begleitet und am Ziel erwartete ihn ein Grillfest mit Bläsermusik.

Besonders dankbar war er für die Möglichkeit, all diese europäischen Länder bereisen zu können. Nur an wenigen Grenzübergängen musste er seinen Ausweis zeigen, an vielen Stellen bemerkte er die Landesgrenzen fast nicht. So habe er die europäische Idee selbst erfahren können – im wahrsten Sinne des Wortes.