Weinheim

Weinheimer Senioren gehen wegen Fahrstuhl auf die Barrikaden

Seit September 2023 ist in Weinheim der Aufzug am Windeckplatz außer Betrieb. Für Anwohner, die auf den Rollator angewiesen sind, ist das eine Zumutung und ein Verlust an Lebensqualität.

Eigentlich soll der Aufzug am Windeckplatz eine barrierefreie Verbindung zwischen der Schlossberg-Bebauung und der Fußgängerzone garantieren. Foto: Fritz Kopetzky
Eigentlich soll der Aufzug am Windeckplatz eine barrierefreie Verbindung zwischen der Schlossberg-Bebauung und der Fußgängerzone garantieren.

„Wir werden von der Stadt immer nur vertröstet“, sagt ein älterer Mann kopfschüttelnd. „Das ist Altersdiskriminierung“, empört sich eine Frau, die sich auf ihren Rollator stützt. Ihr Blick geht zum Fahrstuhl am Windeckplatz, der seit September 2023 kaputt ist, weil seit einer Notöffnung durch die Feuerwehr die erforderlichen Ersatzteile auf sich warten lassen. So lautet jedenfalls seit Monaten die offizielle Begründung aus dem Rathaus in Weinheim, warum es beim „Fahrstuhl des Grauens“ – frei nach dem Horrorthriller aus den 1980er-Jahren – nicht vorwärtsgeht.

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Kein schöner Anblick: Der Fahrstuhl am Windeckplatz. Foto: Fritz Kopetzky
Kein schöner Anblick: Der Fahrstuhl am Windeckplatz.

Der Aufzug soll eigentlich eine barrierefreie Verbindung zwischen der Schlossberg-Bebauung und der Fußgängerzone garantieren. Darauf sind nicht nur die Bewohner der dortigen Seniorenresidenz, sondern auch viele Bewohner der umliegenden Eigentumswohnungen angewiesen. „Das ist für die Betroffenen auch eine Frage der Lebensqualität“, sagt Andrea Dallinger, die sich jetzt mit einem offenen Brief an die Verwaltungsspitze gewandt hat.

Unterschriften werden gesammelt

Eigentlich war die WNOZ-Redaktion am Dienstag nur mit ihr und zwei Mitstreiterinnen zum Fototermin verabredet. Doch das Treffen sprach sich schnell herum. Immer mehr Betroffene kamen trotz hochsommerlicher Temperaturen mit ihrem Rollator oder Rollstuhl zum Treffpunkt, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen: „Es muss jetzt endlich was passieren.“

Seit September 2023 ist der Fahrstuhl am Windeckplatz defekt. Vielen Anwohnern, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, platzt jetzt der Kragen: „Es muss jetzt endlich was passieren.“ Foto: Fritz Kopetzky
Seit September 2023 ist der Fahrstuhl am Windeckplatz defekt. Vielen Anwohnern, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, platzt jetzt der Kragen: „Es muss jetzt endlich was passieren.“

Das findet auch Christel Schappert, die deshalb eine Unterschriftensammlung gestartet hat. 80 Menschen haben innerhalb weniger Tage schon unterschrieben. Am 25. Juli will sie die Liste Oberbürgermeister Manuel Just persönlich übergeben. 15 Minuten habe sein Büro dafür angesetzt, fügt sie noch hinzu.

Viele der Bewohner am Schlossberg seien über 80 Jahre alt und auf den Fahrstuhl angewiesen, erläutert Andrea Dallinger. Aber auch ältere Menschen aus der Innenstadt, um bei Rewe einzukaufen. Die 39 Stufen, die den Steg zur Grundelbachstraße mit der Fußgängerzone verbinden, seien für viele mit schweren Einkaufstüten nicht zu schaffen.

Pendelbus nur eine Notlösung

Dass die Stadt seit November 2023 montags bis freitags zumindest einen „Seniorenbus“ der Lebenshilfe einsetzt, der zwischen 10 und 12 Uhr zwischen der Straße am Schlossberg (am Seniorenheim Sankt Barbara) und dem Eingang der Weinheim Galerie pendelt, sei höchstens eine Notlösung, sind sich die Teilnehmer am Dienstag einig.

Denn Arztbesuche lassen sich natürlich nicht immer in diesem Zeitraum erledigen. Ganz zu schweigen von spontanen Besuchen in der Eisdiele oder Treffen am Wochenende mit Freunden. Viele der Senioren empfinden es einfach als respektlos, dass die Stadt die Menschen seit nunmehr zehn Monaten nur vertröstet.

Stadt fordert umgehende Montage

Doch jetzt scheint Bewegung in das Thema zu kommen. Auf WN-Nachfrage erklärt der städtische Pressesprecher Roland Kern: Man habe vergangene Woche in Erfahrung gebracht, dass die nötigen Ersatzteile jetzt endlich lieferbar seien. Allerdings habe die Aufzugsfirma OTIS angedeutet, dass es nun Verzögerungen beim Montagetermin geben könnte.

Kern weiter: „Das werden wir allerdings nicht akzeptieren. Es wurde umgehend ein Gespräch auf Chef-Ebene mit Bürgermeister Andreas Buske und einem Mitglied der OTIS-Geschäftsführung anberaumt. Das wird noch diese Woche stattfinden.“ Dabei werde Buske die umgehende Montage einfordern, ebenso eine Entschuldigung gegenüber den Bürgern, insbesondere den Anwohnern der Schlossberg-Bebauung.

„Der ganze Vorgang ist peinlich"

„Der ganze Vorgang ist peinlich, um nicht zu sagen skandalös“, fügt Kern noch hinzu. Deshalb könne man die Verärgerung seitens der Schlossberg-Anwohner auch gut verstehen. „Wir fühlen uns genauso nachlässig behandelt wie unsere Bürger.“ Im Rathaus sei man sich auch bewusst, dass der von der Stadt finanzierte Pendelbus zwar eine wichtige Geste, aber kein Ersatz für einen intakten Aufzug sei. Man könne die Betroffenen nur „um Verständnis und – schuldlos – um Entschuldigung bitten“, erklärt der Rathaussprecher weiter und verspricht: „Wir werden der Firma so lange im Nacken sitzen, bis der Aufzug wieder in Betrieb ist.“ Leider werfe der Vorgang aber auch ein Licht auf die aktuelle Lage im Land, die Kommunen und öffentliche Auftraggeber besonders betreffe.

Verzögerung auch bei Metalltreppe am Dürreplatz

Ein Unglück kommt selten allein. Dieses geflügelte Wort passt bei der fußläufigen Verbindung von der Grundelbachstraße in die Innenstadt gewissermaßen wie die Faust aufs Auge. So ist nicht nur der Aufzug am Windeckplatz schon lange defekt, sondern auch die Metalltreppe, die vom Kreisverkehr zum Dürreplatz führt.

Die Metalltreppe, die vom Kreisverkehr in der Grundelbachstraße zur Weinheim Galerie führt, ist seit November 2023 gesperrt. Foto: Carsten Propp
Die Metalltreppe, die vom Kreisverkehr in der Grundelbachstraße zur Weinheim Galerie führt, ist seit November 2023 gesperrt.

Im November 2023 hatte die Stadt die Treppe wegen Sturzgefahr gesperrt, da sich der Belag auf den Stufen teilweise gelöst hatte. Die folgenden Wintermonate – in denen diese Treppe ohnehin jedes Jahr gesperrt wird, weil die Stadt den Räum- und Streudienst nicht gewährleistet kann – wollte man nutzen, um den Stufenbelag zu erneuern. Passiert ist bisher allerdings nichts, sieht man einmal davon ab, dass die Treppe langsam zuwächst.

Auf Nachfrage erklärte am Dienstag die städtische Pressestelle, dass das Tiefbauamt das erste Ausschreibungsverfahren für die Maßnahme habe aufheben müssen. Der Grund: Die Vorgaben, die ein externes Fachbüro für die Ausschreibung erstellt habe, wären „nicht so nachhaltig und wirtschaftlich umsetzbar gewesen wären wie gefordert“. Für die zweite Ausschreibung seien die Vorgaben verbessert worden. „Die Vergabe ist am 24. Juli vorgesehen, die Ausführung im dritten Quartal“, hieß es aus dem Rathaus.

Übrigens hat der alte Belag gerade einmal 13 Jahre gehalten. Im Februar 2011 wurde die Metalltreppe für Fußgänger freigegeben – mit einem halben Jahr Verspätung. Beim ersten Abnahmetermin hatte man damals festgestellt, dass das Treppengeländer zu niedrig war, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen. Eine nachträgliche Erhöhung war dann zunächst so ausgeführt worden, dass aus Sicht der Stadt weiterhin Verletzungsgefahr bestanden hätte. Also musste noch einmal nachgebessert werden.