Bundestagswahl

Das sagen die Kandidaten vom Wahlkreis Bergstraße zum Ausgang der Bundestagswahl

Unsicherheit, Freude, Entsetzen - die Gefühlslage der Kandidaten im Wahlkreis Bergstraße ist unterschiedlich. Die Politiker-Statements aus dem Odenwald und der Bergstraße im Überblick.

Kandidaten von links nach rechts: Dr. Bruno Schwarz (Linke), Evelyn Berg (Grüne), Sven Wingerter (SPD), Benedikt Eikmanns (Volt), Dr. Michael Meister (CDU), Alfred Münch (Freie Wähler), Thomas Fetsch (AfD), Till Mansmann (FDP). Foto: Parteien / Wolf-Rüdiger Pfrang
Kandidaten von links nach rechts: Dr. Bruno Schwarz (Linke), Evelyn Berg (Grüne), Sven Wingerter (SPD), Benedikt Eikmanns (Volt), Dr. Michael Meister (CDU), Alfred Münch (Freie Wähler), Thomas Fetsch (AfD), Till Mansmann (FDP).

Bergstraße/Odenwald. Der Wahlabend der vorgezogenen Bundestagswahl ist vorüber und die vorläufigen Ergebnisse des Wahlkreises Bergstraße stehen fest. Die Reaktionen der Kandidaten im Überblick:

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Gute Laune bei der AfD

Deutlich besserer Laune zeigte sich sein Mitbewerber von der AfD, der Rechtsanwalt Thomas Fetsch. Je nach Abschneiden des hessischen AfD-Landesverbandes, der ihn auf Platz sieben der Landesliste führte, könnte Fetsch den Sprung in den Bundestag geschafft haben. „Im Moment sieht es so aus. Aber ich bin da lieber zurückhaltend.“ Zudem lag sein Stimmenergebnis während des Abends zeitweise mehr als zwei Prozentpunkte über dem der Bundespartei, pendelte sich aber, je später es wurde, in etwa auf das gleiche Niveau ein. „Es ist in der Tat ein erfreuliches Ergebnis“, sagte Fetsch. „Ich versuche, seit Jahren eine vernünftige Politik zu machen. Ich denke, das haben die Menschen honoriert.“ Der Wahlkampf sei im Großen und Ganzen friedlich und moderatverlaufen. Erst als die AfD in Berlin für einen Entschließungsantrag der CDU gestimmt habe, habe der politische Gegner „eine Schippe draufgelegt“. So habe es am Samstag in der Nähe eines Standes der AfD eine Demonstration gegeben, deren Teilnehmer die Wahlhelfer mit ihrem „Gesang erfreut“ hätten. Unschön seien auch die vielen zerstörten oder beschmierten Plakate, vor allem mit der Kanzlerkandidatin Alice Weidel, gewesen. Und doch: „Insgesamt war der Wahlkampf okay.“ (MB)

CDU: Michael Meister „ist noch nicht sicher, ob er reinkomme“

Ob Michael Meister ins Parlament einzieht, steht am Wahlabend noch nicht fest. Die OZ erreicht Dr. Michael Meister am Sonntagabend während einer allmählich ausklingenden Wahlparty. Ob der CDU-Bundestagsabgeordnete Grund zum Feiern hat, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht klar. „Es ist noch nicht sicher, ob ich reinkomme, das weiß ich erst morgen früh“, sagt der 63-Jährige, der seit 1994 dem Bundestag angehört.

Michael Meister von der CDU. Foto: Fritz Kopetzky
Michael Meister von der CDU.

Was dagegen schon feststeht, ist, dass er den AfD-Kandidaten Thomas Fetsch überholt hat – es ist eine Genugtuung, nachdem ihm unterstellt worden sei, mit der Rechtsaußenpartei gemeinsame Sache zu machen: „Dabei habe ich immer gesagt, ich bin der Einzige, der die AfD im Kreis verhindern kann.“ Im Wahlkampf habe auch er sich des Themas Migration angenommen: „Das muss inhaltlich geregelt werden, es muss wieder ein Gefühl für öffentliche Sicherheit hergestellt werden. Und es muss klargestellt werden, dass der Staat die Hoheit über das Thema Migration hat und nicht das Thema Migration die Hoheit über den Staat.“ Er sei gehört worden, allerdings nicht bei denen, die entschlossen waren, AfD zu wählen: „Da hatte ich keinen Zugang.“

Auch die Folgen von zwei Jahren Rezession sind in der Region angekommen, auch wenn er denkt, dass die Bergstraße noch deutlich besser dasteht als mancher andere Kreis. Trotzdem sieht er Entlassungen und Kurzarbeit in großen Betrieben als Vorboten. Den Wahlkampf hat er als emotionaler erlebt als frühere – zwar mit Vandalismus und beschmierten Plakaten, aber ohne Gewalt, wie sie andernorts vorkam. Die hohe Wahlbeteiligung freut ihn – aber die Freude ist nicht ungetrübt, da die AfD es schaffte, Nichtwähler zu mobilisieren. Auch die starke Polarisierung – SPD und Grüne auf der einen, bürgerliche Parteien auf der anderen Seite – habe dafür gesorgt, dass viele zu den Urnen gingen. Nun wartet er ab, ob FDP und BSW in den Bundestag einziehen, hofft auf eine zügige Regierungsbildung – und auf die Nachricht, wie es bei ihm weitergeht. Ob ihn das um den Schlaf bringt? „Nein, ich gehe mit einem guten Gefühl ins Bett.“ (stk)

SPD: Sven Wingerter über den „Trendwahlkreis“

Er hat einen engagierten Wahlkampf geführt, unzählige Termine wahrgenommen, täglich versucht, Überzeugungsarbeit zu leisten. Am Ende erwies sich die Politik der Ampel unter Führung der SPD und deren Scheitern am 6. November des vergangenen Jahres für Sven Wingerter als allzu große Hypothek. „Der Kreis Bergstraße ist ein Trendwahlkreis“, sagte der 44 Jahre alte Sozialdemokrat, „und unter diesen Umständen war es nahezu unmöglich, 12 oder 13 Prozentpunkte gegenüber meinem Mitbewerber aufzuholen.“

Gegen 20.30 Uhr lag Wingerter in der Wählergunst sogar noch hinter dem AfD-Kandidaten Thomas Fetsch. „Mein Ziel ist es, dass ich ihn im Laufe des Abends noch einholen werde. Ich möchte schon Zweiter werden.“ Als eine der dringendsten Herausforderungen, auf die eine Antwort gefunden werden müsse, bezeichnete Wingerter die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen zwischen Stadt und Land zu schaffen. Für die Sozialdemokratie sei das selbstverständlich ein zentrales Anliegen, er bezweifle allerdings, dass das auch für eine Regierung unter einem Kanzler Friedrich Merz gelte.

Lange Gesichter in der Kreisgeschäftsstelle der Bergsträßer Sozialdemokraten in Heppenheim: Für ihren Kandidaten Sven Wingerter war der Gegenwind aus Berlin einfach zu stark. Foto: Fritz Kopetzky
Lange Gesichter in der Kreisgeschäftsstelle der Bergsträßer Sozialdemokraten in Heppenheim: Für ihren Kandidaten Sven Wingerter war der Gegenwind aus Berlin einfach zu stark.

Sollte sich die SPD – falls das gewünscht werde – an einer Regierung beteiligen? Davor, sagte Wingerter, müsse auf jeden Fall eine Mitgliederbefragung durchgeführt werden. „Aber wir wissen zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, welche Mehrheiten möglich sind, und was das für uns bedeutet.“ Froh sei er, dass eine so genannte Deutschlandkoalition (CDU, SPD und FDP) vermutlich nicht zustande kommen werde. Aber auch eine schwarz-rote Koalition halte er für nur schwierig umsetzbar. „Ich habe bereits die Bedeutung gleichwertiger Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land angesprochen. Wir müssen die soziale Spaltung aber auch insgesamt überwinden und für soziale Sicherheit sorgen. Wie soll das mit einem Kanzler Merz funktionieren?“

Wenn Friedrich Merz als Kanzler nur einen Teil dessen, was er angekündigt habe, umsetze, werde das zu einem weiteren Erstarken der AfD führen. Der Regierungsauftrag liege jetzt bei der CDU. Sollte am Ende der Regierungsbildung eine Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten stehen, sei er nach wie vor skeptisch: „Selbst wenn ich in den Bundestag gewählt worden wäre, wüsste ich nicht, ob ich Friedrich Merz zum Kanzler wählen könnte“, sagte der Wald-Michelbacher. (MB)

Till Mansmann. Foto: Philipp Reimer
Till Mansmann.

FDP: Till Mansmann bedauert das Wahlergebnis

„Ein anderes Wahlergebnis wäre sehr wichtig gewesen – auch für unser Land“, sagt Till Mansmann, Direktkandidat der FDP für den Wahlkreis Bergstraße, am Sonntag zum vorläufigen Ergebnis seiner Partei auf Bundesebene sowie im Wahlkreis. Bei der Bundestagswahl 2021 erreichte Mansmann noch 10,7 Prozent der Stimmen, bei der Wahl am Sonntag waren es nur noch 3,9 Prozent. Bei der Besetzung der Liste der Liberalen zu dieser Bundestagswahl fiel Mansmann, anders als in den Jahren zuvor, auf Listenplatz 19 – „mir war klar, dass meine Wiederwahl nicht stattfindet, aber ich habe für die Sache und für meine Überzeugung gekämpft“, sagt er in Berlin, wo die Stimmung nicht so wahnsinnig gut sei. So wisse er, Diplom-Physiker und Journalist, derzeit noch nicht, wie seine berufliche Zukunft aussehe. Es sei noch alles offen. Auch die Ergebnisse auf Bundesebene seien nicht zwingend eine Überraschung gewesen, denn in den vergangenen Tagen und Wochen sei von einigen Instituten gesagt worden, dass es für die FDP eng werden würde. Es habe zwar schon viele Wahlabende gegeben, die für die FDP dann doch noch gut ausgingen, doch dieses Mal sehe das nach vorläufigem Ergebnis sehr wahrscheinlich anders aus. Nun habe man von den Wählern die Quittung erhalten, die mit der Ampelregierung unzufrieden waren und diese so beurteilt haben, wie er es sich nicht gewünscht habe. „Wir brauchen dringend einen Politikwechsel“, sagt Mansmann. Er hätte sich mehr Vertrauen der Wähler in die FDP gewünscht, dass diese Teil dieses Wechsels hätte sein können. Das Land stehe nun an wahrlich an der von Scholz proklamierten Zeitenwende, die er leider nie umgesetzt habe und die nun mit einer Macht komme, die aufrüttele. Er wünschte allen an der Regierung Beteiligten viel Erfolg. (awe)

Volt: Benedikt Eikmanns freut sich über Verdreifachung

Benedikt Eikmanns (Volt): „Wir sind eine junge Partei, und im Kreis Bergstraße konnten wir unser vorläufiges Ergebnis (0,9 Prozent) im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 (0,3 Prozent) verdreifachen“, sagt Benedikt Eikmanns (Volt) am Sonntagabend. Er ist der erste Direktkandidat, der sich für Volt im Kreis Bergstraße zur Wahl gestellt hat, und kann im Wahlkreis Bergstraße 1,7 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Er sieht diese Wahl für Volt, die erste europäische Partei, als einen guten Anfang. Volt sei also gekommen, um zu bleiben. Es sei ein kurzer und zugespitzter Wahlkampf gewesen, in dem seine Partei seine Chance genutzt habe. Unter anderem wurden 280 Volt-Plakate aufgehängt. Jedoch sei das Thema Europa, für das Volt stehe, allgemein im Wahlkampf zu kurz gekommen, denn „Europa ist eines der relevantesten Themen in den nächsten Jahren“, sagt Eikmanns, der im Kreise der Familie den Wahlabend verfolgt. Im Vorfeld der Bundestagswahl sprach Eikmanns nach seiner Wunschkoalition gefragt von einer, die „demokratisch und lösungsorientiert“ agiert. „Es ist erschreckend, wie viel Rückenwind die antidemokratischen Kräfte erhalten. Es braucht eine Erneuerung aus der Mitte“, sagt er zum vorläufigen Ergebnis auf Bundesebene. Den Erfolg an den politischen Rändern sieht er darin begründet, da diese auf aktuelle Probleme eingingen. (awe)

Grüne: Evelyn Berg ist entsetzt und froh zugleich

Nein, eine Wahlparty sei nicht im Gange, sagt Evelyn Berg, als die OZ anruft: Die Grünen haben sich gestern Abend in Bensheim versammelt, um die Auszählung mitzuverfolgen. Freude ist angesichts des Ergebnisses nicht aufgekommen, aber Berg sieht es pragmatisch: „Ich bin froh, dass ich kandidiert habe.“ Entsetzt ist sie gleichwohl, dass AfD-Kandidat Thomas Fetsch an ihr vorbeigezogen ist – nicht nur an ihr, sondern auch an Sven Wingerter, den sie eigentlich auf Platz zwei gesehen hätte.

Dass der Kandidat einer Partei so gut abschneidet, die „meiner Meinung nach gar nicht zur Wahl hätte zugelassen werden dürfen“, empört Berg. Die 67-Jährige war übrigens die einzige Kandidatin, die nicht plakatiert hat, eingedenk schlechter Erfahrungen bei einer vorangegangenen Wahl: „Es war furchtbar, was man meinen Plakaten da angetan hat.“ Auch vor der Bensheimer Geschäftsstelle wurde randaliert. Letztlich entschied man sich zwar gegen Polizeischutz, doch an das vorangegangene „Grünen-Bashing“ denkt die Kandidatin noch lebhaft zurück: „Eine aggressive Stimmung war spürbar. “ Was das Abschneiden der Grünen angeht, so hätte es „ein bisschen besser sein können“. Auf die Frage, wie es nun weitergeht, erklärt sie: „Ich mache auf der kommunalen Ebene weiter, und ich stehe nach wie vor für grüne Inhalte.“ Sie sei mit ihrem Thema, der Wohnraumnot, gehört worden. Ihr Fazit: „Es geht weiter.“ (stk)

Die Linke: Dr. Bruno Schwarz' Traum wurde nicht erfüllt

„Der Traum von einem zweistelligen Ergebnis hat sich nicht erfüllt“, sagt Dr. Bruno Schwarz (Die Linke) . Das ist angesichts des respektablen Ergebisses seiner Partei aber eher die Suche nach dem Haar in der Suppe. „Ich bin natürlich sehr zufrieden“, schiebt er schnell nach. Gemeinsam mit etlichen Parteifreunden verfolgte der Direktkandidat der Linken die Entwicklungen am Fernseher. Dabei lag ein besonderes Augenmerk auch auf den Prozentzahlen des BSW. „Die Linke musste durch die Abspaltung des Wagenknecht-Lagers einen doppelten Aderlass verkraften“, so Schwarz. Er hofft nun, dass die Namensgeberin der neuen Partei Wort hält und sich zurückzieht, falls der Einzug in den Bundestag misslingt. „Es wird jedenfalls spannend zu verfolgen, wie im Allgemeinen mit diesem Wahlergebnis umgegangen wird.“ (arn)