Tanzen

Erste Co-Trainerin mit geistiger Behinderung

Kerstin Fath zeigt, dass Inklusion im Sport keine Grenzen kennt: Die 48-Jährige aus Gorxheimertal inspiriert mit ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft für das Tanzen nicht nur ihre Trainingsgruppen, sondern alle, die an sie glauben.

Oliver Andres mit Kerstin Fath nach deren bestandener Prüfung zum Co-Trainer. Foto: Lebenshilfe
Oliver Andres mit Kerstin Fath nach deren bestandener Prüfung zum Co-Trainer.

Kerstin Fath ist die erste ausgebildete Co-Trainerin mit geistiger Behinderung bei der Weinheimer Lebenshilfe. Darauf sind nicht nur Lebenshilfe-Chef Oliver Andres und die Firegirls der TG Jahn Trösel stolz. Die 48-Jährige aus Gorxheimertal ist auch ansonsten ein Tausendsassa. Und das beste Beispiel für „Geht nicht? Gibt’s nicht!“

WNOZ WhatsApp-Kanal

Die Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung auf WhatsApp! Aktuelle Nachrichten aus deiner Region. Die Top-Themen jeden Mittag frisch auf dem WhatsApp-Kanal.

Impressum

Kerstin Fath fackelt nicht lange. Als ihr Trainer sie fragt, ob sie das Aufwärmen übernimmt, nickt sie kurz und positioniert sich vor ihrer Truppe. Die Musik wummert über die Box in den Trainingsraum der Weinheimer Lebenshilfe – und zack! Kerstin Fath ist mittendrin statt nur dabei. Kaum erklingen die ersten Töne, bewegen sich Füße und Hände fast von alleine. „Wenn die Musik läuft und ich tanze, kann ich alles um mich herum vergessen“, sagt die leidenschaftliche Tänzerin, für die ein ereignisreiches Jahr zu Ende geht. Sie ist nicht nur das erste Vorstandsmitglied bei der Lebenshilfe mit geistiger Beeinträchtigung. Seit ein paar Wochen darf sie sich auch Co-Trainerin nennen. Die Urkunde zu ihrer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung hängt in den Geschäftsräumen der Lebenshilfe.

Kerstin Fath beim Training mit der Lebenshilfe-Tanzgruppe. Foto: Anja Treiber
Kerstin Fath beim Training mit der Lebenshilfe-Tanzgruppe.

Wir treffen uns im Erdgeschoss des Begegnungszentrums in der Moltkestraße. Es ist Donnerstag und die 48-Jährige, die mit dem Downsyndrom geboren wurde, hat schon eine anstrengende Woche hinter sich. Arbeiten in der Wäscherei des Bodelschwinghheims, montags Tanztraining mit den „Classics“ der TG Jahn Trösel, der Gruppe ab 40 bei den Firegirls. Dienstags ist sie in der Sporthalle der Daumbergschule in Trösel Co-Trainerin der „Minis“, den Erst- und Zweitklässlern. „Das macht viel Spaß. Dieses Jahr haben wir Rapunzel als Tanzmärchen aufgeführt. Das war viel Arbeit“, sagt Kerstin Fath. „Aber nicht nur für mich, da haben ganz viele mitgeholfen.“

Die Firegirls der TG Jahn Trösel führten das Tanzmärchen „Rapunzel“ auf, rechts im Hintergrund mit Co-Trainerin Kerstin Fath. Foto: Fritz Kopetzky
Die Firegirls der TG Jahn Trösel führten das Tanzmärchen „Rapunzel“ auf, rechts im Hintergrund mit Co-Trainerin Kerstin Fath.

Im Mittelpunkt stehen will die Frau aus Gorxheimertal eigentlich nicht. „Wir machen alles in der Gruppe. Da macht es einfach auch viel mehr Spaß.“ Und doch ist „Kiki“ Fath außergewöhnlich. Donnerstags leitet sie künftig als Co-Trainerin das Tanztraining, ist fester Bestandteil des inklusiven Trainerteams. „Außerdem bin ich noch in einer Aerobicgruppe, aber das werde ich jetzt aufgeben. Das ist auf die Dauer doch ein bisschen viel.“ Aufs Tanzen will sie nicht verzichten, das ist ihr absolutes Lieblingshobby. Marisa Ettrich, Leiterin der Offene Hilfen und Inklusionsassistenz, beobachtet das auch bei der Arbeit im Büro: „Wenn da Musik läuft, bewegt sich immer irgendwas“, lacht sie.

Sonderprojekt des Verbands

Die Ausbildung machte sie zusammen mit acht weiteren Teilnehmenden in der Baden-Badener Sportschule Steinbach. Ziel dieses Sonderprojektes im Badischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband (BBS) ist es, Menschen mit Behinderung in die Strukturen von Sportvereinen zu integrieren. Ein erfahrenes Referententeam setzte auf das praktische „Lernen durch Erleben“, wo es um sportliche Fähigkeiten, wie Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft, Beweglichkeit und Koordination ging. Die Ausbildung findet in Leichter Sprache statt und legt den Grundstein für inklusive Trainer-Tandems in den Heimatvereinen, bestehend aus einem Übungsleitenden und einem Co-Trainer. In Baden gibt es mittlerweile schon 55 solcher Tandems.

Ausbildung öffnet Türen

„Für Kerstin ist die Ausbildung auch ein Türöffner“, sagt Marisa Ettrich. Denn der Co-Trainer-Ausbildung, die von der Aktion Mensch finanziert wird, folgt ein Kurs zur Ersthelferin und zur Stärkung des Selbstvertrauens. „Ohnehin wachsen die Menschen bei uns im Rahmen der Ausbildung“, beobachtet auch Kim Früh, Sport-Inklusionsmanagerin im BBS und vorort in Baden-Baden immer wieder begeistert vom Potenzial der neuen Co-Trainer. „Besonders toll ist es natürlich, wenn wir uns dann ein Bild vor Ort machen, wie das umgesetzt wird. Das macht einfach viele Menschen glücklich.“

Nach zwei vollen Ausbildungstagen und einer Prüfung, die auch das Abhalten einer Übungsstunde beinhaltete, hielt Kerstin Fath dann ihre Urkunde in den Händen. Die hängt jetzt gerahmt in den Arbeitsräumen der Lebenshilfe. Und wenn es nach dem Lebenshilfe-Team geht, dürfen gern noch weitere hinzukommen.